b und d verwechseln: Merkhilfen, die nicht spiegeln

Sie liest „Dild“ statt „Bild“. Zum dritten Mal. Sie ist nicht unkonzentriert und sehr wahrscheinlich auch nicht legasthenisch. Ihr Sehen hat nur noch nicht gelernt, dass bei Buchstaben die Seite zählt. Bei Tassen zählt sie nie: Henkel links, Henkel rechts, es bleibt dieselbe Tasse. Halt geben deshalb Merkhilfen, die gar nicht nach links und rechts fragen, sondern nach der Hand, dem Mund, einem Buchstaben ohne Spiegelbild und dem richtigen Zeitpunkt.

b und d, p und q, m und w: Warum Erwachsene Buchstaben vertauschen und welche Merkhilfen im Alphakurs tragen.

Unterscheidungsstrategie für Spiegelbuchstaben
Lehrkräfte in Alpha-, Grundbildungs- und DaZ-Kursen
Buchstabeneinführung, Üben, Festigen

Aus Bild wird Dild

Woche sechs im Alphakurs. Die Lernenden kennen ein Dutzend Buchstaben, lesen erste Wörter, und dann kommt das d. Aus „Bad“ wird „Dab“, und das b, das letzte Woche noch saß, wackelt plötzlich auch. Ein zweites Mal wackelt es oft Monate später, wenn aus Wörtern Texte werden: Wer schneller liest, prüft weniger und rät mehr. Und selten bleibt es bei b und d. Auch p und q, m und w, n und u tauschen die Plätze.

Schnell steht ein Verdacht im Raum: Konzentration, vielleicht Legasthenie. Meist trifft beides nicht. Kolinsky und Kolleg:innen haben Erwachsene untersucht, die nie lesen gelernt haben. Bewusst auf die Seitenrichtung einer Form zu achten, fiel ihnen deutlich schwerer als Lesenden. Diese Aufmerksamkeit für die Seite bildet erst das Lesenlernen aus, und zwar auch bei Erwachsenen: Pegado und Kolleg:innen fanden, dass auch Menschen, die erst als Erwachsene lesen gelernt hatten, Spiegelbilder unwillkürlich unterschieden, wenn auch weniger stark als früh Lesende.

Aus der Praxis kommen Gründe hinzu, die im Kurs liegen. Werden b und d kurz nacheinander eingeführt, kommen sich zwei unsichere Formen in die Quere. Wer eine andere Schrift liest, musste vielleicht nie eine Form von ihrem Spiegelbild unterscheiden. Und wer Wörter aus dem Zusammenhang errät, rät an genau dieser Stelle mit.

Manches, was wie ein Spiegelfehler aussieht, kann auch mit dem Sehen zu tun haben. Hinweise darauf: Jemand hält den Text auffällig nah oder weit weg, kneift die Augen zusammen, verliert die Zeile, wird nach wenigen Minuten Lesen deutlich unsicherer oder verwechselt auch Buchstaben, die sich gar nicht spiegeln, etwa e und c. Klären kann das nur eine Fachperson; sprich es behutsam an und empfiehl einen Sehtest. Hakt es nach Monaten noch, obwohl die Merkhilfen sitzen, und finden Laute auch beim Hören nicht zu den Buchstaben, ist eine fachliche Abklärung sinnvoll.

Ziel
Spiegelbuchstaben sicher unterscheiden, ohne über links und rechts zu gehen
Dauer
Je Anker 2 bis 5 Minuten, über mehrere Wochen wiederholt
Sozialform
Plenum und Einzelarbeit
Materialaufwand
Keiner bis gering: Papier, Stift, Buchstabenkarten
Steuerungsgrad
Mittel bis hoch

Vier Anker, die nicht spiegeln

Bis das Sehen die Seitenrichtung sicher beachtet, braucht die Unterscheidung einen zweiten Halt. Die vier Anker nutzen jeweils einen anderen: die Hand, den Mund, einen Merksatz, der an etwas Unverrückbarem hängt, und die Zeit zwischen zwei Einführungen.

Hand: Gleich aussehen heißt nicht gleich geschrieben werden. Das b beginnt mit dem Strich, der Bauch kommt danach. Das d beginnt mit dem Bauch, wie ein c, dann kommt der Strich, so wie die Schreibweise im Kurs eingeführt wurde. Die Hand ist sich da sicher, auch wenn das Auge zögert. Lass laut mitsprechen: „Strich runter, Bauch dran: b.“ Neue Buchstaben kommen zuerst groß mit dem Finger, auf dem Tisch oder in der Luft, dann mit dem Stift aufs Papier. Seyll und Content fanden bei Vorschulkindern nach dem Schreiben per Hand weniger Spiegelfehler als nach dem Tippen; für Erwachsene ist das nicht untersucht, aber plausibel. Zögert eine Lernende beim Lesen: „Schreiben Sie ihn mit dem Finger auf den Tisch. Womit fangen Sie an?“

Mund: Beim b gehen die Lippen zu, beim d bleiben sie offen, und die Zunge tippt hinter die oberen Zähne. „Legen Sie den Zeigefinger quer unter die Unterlippe und sagen Sie Ball. Die Lippen gehen zu. Jetzt Dach. Die Lippen bleiben offen.“ Beim Lesen wird daraus eine Wortprobe, „Dild oder Bild? Welches gibt es?“, die nur bei bekannten Wörtern funktioniert; bei neuem Wortschatz bleibt der Merksatz. In DaZ-Kursen gehört das p dazu: Wer Arabisch spricht, kennt den Laut p aus der Erstsprache nicht. Eine Hand vor dem Mund spürt beim p den Luftstoß, beim b kaum.

Merksatz: Eselsbrücken tragen, wenn sie an etwas hängen, das nicht spiegelt. Die stärkste nutzt einen Buchstaben ohne Spiegelpartner: „Im d steckt ein c. Erst das c, dann der Strich – wie im Alphabet: c, d.“ Wird das runde Schreib-a früher eingeführt, trägt es genauso: Das d ist ein a mit langem Strich. Für b und p hilft oben und unten, denn das spiegelt nie: „Das b wächst nach oben wie ein Baum. Das p steckt im Boden wie ein Pfahl.“ Das q verrät sein Begleiter: „Hinter dem q steht fast immer ein u.“ Und für m und w: „Das m hat zwei Berge. Ins w passt Wasser.“ Eigene Bilder der Gruppe sind willkommen, solange sie nach etwas fragen, das nicht spiegelt. Ehrlich bleibt: Auch diese Proben sind Sehen. Sie tragen, weil sie nach etwas fragen, dessen Richtung schon sitzt. Die Bett-Eselsbrücke mit den zwei Daumen dagegen geht über links und rechts und hilft genau denen nicht, die dort unsicher sind.

Abstand: Führ zuerst das b ein und warte, bis es in Wörtern und beim Schreiben sitzt, in vielen Kursen zwei bis drei Wochen. Dann kommt das d, und erst wenn beide einzeln sicher sind, stellst du sie gegenüber, in echten Wörtern wie Bad und Dach. „Heute lernen wir nur das b. Das d kommt später, damit die beiden sich nicht in die Quere kommen.“ Für p und q gilt dasselbe.

Dild, Dach und dlau

Lesekurs, Woche sechs: Zwölf Erwachsene, einige lesen bereits arabische Schrift. Eine Lernende liest „Dild“ statt „Bild“, beim dritten Mal wird sie still. Unterscheidungsblatt als Hausaufgabe oder Anker im Moment? Die Lehrkraft nimmt den Anker, für alle: „Schauen Sie alle auf den ersten Buchstaben. Steckt ein c drin?“ Die Lernende schüttelt den Kopf: „Kein c. Also b. Bild.“

Schreibkurs, Woche drei: Beim Laufdiktat schreibt ein Lernender „dlau“ statt „blau“. Das d kam gestern dazu, das b vor einer Woche. Sofort gegenüberstellen oder Abstand? Die Lehrkraft wählt den Abstand. Das d verschwindet für zwei Wochen aus den Diktaten, das b wird mit dem Hand-Anker gefestigt. „Wir schreiben heute nur Wörter mit b. Und jedes Mal sagen Sie: Strich runter, Bauch dran.“ In Woche sechs stehen beide gemeinsam im Diktat.

Der Anker antwortet, nicht du

Korrigiert wird beim Lesen mit einer Frage nach dem Anker: „Steckt ein c drin?“ oder „Womit fängt Ihr Finger an?“ So prüfen die Lernenden selbst. Ein Satz wie „Bei Tassen ist der Henkel egal. Bei Buchstaben leider nicht.“ nimmt mehr Druck heraus als jedes Lob.

Bäuche mit Gesichtern und Buchstabentiere kommen aus der Arbeit mit Kindern und wirken bei Erwachsenen schnell herablassend.

Unterscheidungsblätter voller b und d kommen nach der Erfahrung vieler Kursleitungen am Anfang zu früh: Sie trainieren das Hinschauen, das gerade nicht trägt. Wenn beide Buchstaben einzeln sitzen, können sie sinnvoll sein.

Schreiben in der Luft geht auch im Sitzen und klein. Ist die Schulter eingeschränkt, schreibt der Finger auf die Tischplatte.

Das Auge spiegelt, die Hand nicht

Das Auge spiegelt, die Hand nicht

Das Sehen ist darauf eingestellt, Spiegelbilder als dasselbe zu behandeln. Lesen verlangt bei wenigen Zeichen das Gegenteil. Die Hand kennt dieses Problem nicht: Eine Schreibbewegung hat Anfang und Ende, und die vertauschen sich nicht. Eselsbrücken über links und rechts helfen dagegen wenig, weil auch dort vielen Menschen ein sicherer Halt fehlt. Warum das so ist, steht im Artikel Links-Rechts-Schwäche.

Nicht jeder Dreher spiegelt

Manche Fehler sehen nach b und d aus und brauchen trotzdem eine andere Antwort.

Reihenfolge statt Seite

Wer „Brei“ statt „Bier“ liest, hat die Laute vertauscht, nicht gespiegelt. Hier hilft Lautieren.

Klang statt Form

Wer „Tach“ statt „Dach“ schreibt, hat kein Spiegelproblem. d und t unterscheiden sich im Klang, also braucht es Hörarbeit.

Raten statt Lesen

Wer „Bad“ als „Bett“ liest, hat nach dem ersten Buchstaben geraten. Dann hilft Silbenlesen bis zum Wortende.

Gedreht statt gespiegelt

Die Paare n und u, m und w stehen auf dem Kopf, sie sind nicht seitlich gespiegelt. Hier helfen Merkhilfen für oben und unten, der Blick auf das c nicht.

Gehirneffizientes Lehren

Wer Hand und Mund mitlernen lässt, braucht weniger „Schauen Sie genau hin“, im Alphakurs und anderswo. Darum geht es in der Fortbildung „Gehirneffizientes Lehren“: Aktivierung, Lernen mit allen Sinnen und wie Wissen im Gedächtnis bleibt, vor Ort und online.

Wo das d dazwischenfunkt

Die Unterscheidung sitzt. Bis sich im Kurs etwas ändert.

  1. Lesen unter Zeitdruck:

    Wer vor der Gruppe schnell lesen soll, rät dort, wo Prüfen Zeit bräuchte. Gib Zeit für den eigenen Anker.

  2. Abschreiben von der Tafel:

    Auf dem Weg zum Heft geht die Richtung leicht verloren. Lass das Wort halblaut sprechen und aus dem Kopf schreiben.

  3. Schilder und Formulare:

    Draußen sieht das b anders aus als in der Kursschrift. Bring früh echte Schilder mit, damit die Merkhilfe nicht nur im Heft trägt.

  4. Lesende anderer Schriften:

    Wer Arabisch liest, liest von rechts nach links. Die Leserichtung ist eine eigene Baustelle, getrennt von b und d.

  5. Tippen am Smartphone:

    Die Taste zeigt das b fertig an, der Schreibweg fehlt. Bis b und d sitzen, bleiben die Übungswörter auf Papier.

  6. Der eigene Name:

    Steht ein b oder d im Namen, sitzt der Buchstabe dort oft zuerst. Bilal oder Dilek werden zum Ankerwort für die Gruppe.

  7. Nach den Ferien:

    Die Unterscheidung wackelt oft wieder. Ein kurzer Durchgang durch die Anker reicht meist.

  8. Abendkurse nach der Arbeit:

    Wer müde ist, fällt in alte Verwechslungen zurück. Leg das Gegenüberstellen an den Anfang der Einheit.

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Legasthenie oder Woche sechs

Ist es ein Zeichen für Legasthenie, wenn Erwachsene b und d verwechseln?
In den ersten Wochen und Monaten in aller Regel nicht. Aufmerksam wirst du, wenn die Verwechslung lange stabil bleibt, obwohl die Anker sitzen und alles andere Fortschritte macht.
Hilft Farbe, etwa das b blau und das d rot?
Als Krücke für ein paar Tage, mehr nicht: Auf Schildern und Formularen ist das b nie blau. Nimm die Farbe bald wieder weg und lass eine Merkhilfe übernehmen, die auch in Schwarz funktioniert.
Was, wenn eine Lernende mit links schreibt?
Der Hand-Anker gilt genauso: Auch mit links beginnt das b mit dem Strich und das d mit dem Bauch. Die Merkhilfen auf dieser Seite fragen gar nicht nach der Hand.
Und wenn jemand gleich mehrere Paare vertauscht?
Das ist häufig. Dann ein Paar nach dem anderen, beginnend mit dem, das in den Kurswörtern am häufigsten vorkommt. Jedes Paar bekommt seine eigene Merkhilfe, und erst wenn sie sitzt, kommt das nächste.

Fazit

Wenn Erwachsene b und d verwechseln, fehlt ihnen meist nicht die Konzentration, sondern eine Unterscheidung, die erst das Lesenlernen ausbildet. Das gelingt auch im Erwachsenenalter, aber nicht über mehr Hinschauen. Tragfähig sind Anker, die nicht spiegeln: der Schreibweg der Hand, die Bewegung des Mundes, ein Merksatz, der an etwas Unverrückbarem hängt, und genug Abstand zwischen den Einführungen. So wird aus einer peinlichen Verwechslung eine Frage, die die Lernenden selbst beantworten. Steckt ein c drin? Dann ist es ein d.

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