Wortigel – Wortschatz sammeln, ordnen und sofort benutzen

Vierzig Wörter stehen an der Tafel, alle schreiben sie ab, und nächste Woche weiß niemand mehr eins. Der Wortigel sammelt Wörter rund um ein Kernwort und macht sichtbar, was eine Gruppe schon kann. Doch der Igel wirkt erst, wenn aus Stacheln Sätze werden: geordnet, mit Artikel und Wortakzent, sofort benutzt.

Erst sammeln, dann ordnen, dann sprechen: So bleiben Wörter aus dem Wortigel auch hängen.

Methode zur Wortschatzarbeit und Vorwissensaktivierung
Grundschule, DaZ, DaF, Integrations- und Sprachkurse
Einstieg, Vorentlastung vor Texten, Wortschatzsicherung

Was schon da ist, sichtbar machen

Das neue Thema heißt „Wetter“. Bevor der Text kommt, steht das Wort in der Mitte der Tafel, und die Klasse ruft: Regen, Sonne, Wind, Schnee. Nach einer Minute wird es still. Es sind fast nur Nomen, ohne Artikel, und drei Kinder haben alles beigetragen. Der Igel ist schön, die Wortschatzarbeit hat noch nicht angefangen.

Der Wortigel ist eine einfache Form der Wortsammlung: Ein Kernwort steht in der Mitte, und wie Stacheln gehen Wörter davon ab, die damit zu tun haben. Das aktiviert Vorwissen, zeigt Lücken und macht den gemeinsamen Wortschatz der Gruppe sichtbar, bevor ein neuer Text oder ein neues Thema kommt.

Wirksam wird er durch zwei Schritte, die oft fehlen. Erstens das Ordnen: Nomen mit Artikel, Verben, Adjektive, jeweils in eigener Farbe oder Spalte. Zweitens das Benutzen: Jede Person bildet sofort Sätze mit Wörtern aus dem Igel. Erst dann wird aus einer Liste Wortschatz, den Lernende auch sprechen und schreiben können.

Ziel
Wortschatz aktivieren
Dauer
10 bis 30 Min.
Sozialform
Plenum, Einzel, Partner
Materialaufwand
gering
Steuerungsgrad
mittel

Vom Kernwort zum eigenen Satz

Kernwort wählen (1 Min.): Ein Wort, zu dem alle etwas wissen und das zum kommenden Thema führt, etwa „Wetter“, „Arzt“ oder „Wohnung“. Es steht groß in der Mitte von Tafel, Plakat oder Blatt.

Allein sammeln (1–2 Min.): Jede Person notiert eine Minute lang allein Wörter auf einem Zettel. So kommen auch die Leisen zu Wort, bevor im Plenum die Schnellen dominieren.

Stacheln anlegen (5 Min.): Die Wörter kommen an den Igel, Nomen immer mit Artikel, und gleich mit markiertem Wortakzent. Frag gezielt nach fehlenden Wortarten: „Was machst du, wenn es regnet?“ führt zu Verben, „Wie ist der Wind?“ zu Adjektiven.

Ordnen (3–5 Min.): Die Stacheln werden nach Wortarten sortiert, mit Farben, Spalten oder Symbolen. Unklare Wörter werden kurz erklärt oder gezeigt.

Benutzen (5–10 Min.): Jede Person wählt drei Wörter aus dem Igel und bildet daraus einen Satz, anfangs mündlich mit der Nachbarin oder dem Nachbarn, dann schriftlich. Fortgeschrittene schreiben einen kurzen Text mit fünf Igelwörtern.

Wieder aufgreifen (3–5 Min., in der nächsten Stunde): Der Igel bleibt hängen oder wird abfotografiert. In der nächsten Stunde deckst du ihn ab, und die Gruppe ergänzt aus dem Gedächtnis, so viel sie noch weiß. Nach dem Text kommen höchstens drei bis fünf neue Wörter in anderer Farbe dazu.

Wenn der Standard-Igel nicht reicht

Artikel-Igel: Nomen werden in drei Farben für der, die, das an den Igel geschrieben. Passt für DaZ und Deutsch als Fremdsprache ab A1. Achte darauf, die Farben über das ganze Schuljahr gleich zu halten.

Verb- oder Adjektiv-Igel: Es werden nur Verben oder nur Adjektive zum Kernwort gesammelt. Passt, wenn Lernende fast nur Nomen nennen. Achte darauf, jedes Verb danach in einem Satz zu benutzen, gern mit Pantomime.

Igel vor und nach dem Text: Vor dem Lesen wird gesammelt, was die Gruppe weiß, danach kommen neue Wörter aus dem Text in anderer Farbe dazu: höchstens drei bis fünf, und möglichst solche, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Passt zur Vorentlastung von Lese- und Hörtexten. Zeig den Unterschied ausdrücklich: Das konnten wir schon, das ist neu.

Igel-Staffel: Gruppen stehen an Plakaten und ergänzen abwechselnd Stacheln, jede Runde mit einer anderen Wortart. Passt, wenn Bewegung gebraucht wird. Achte darauf, dass jede Person mindestens einmal schreibt.

Mehrsprachiger Igel: Lernende dürfen Wörter in ihrer Herkunftssprache ergänzen, die Gruppe sucht gemeinsam das deutsche Wort. Passt für Willkommensklassen und Integrationskurse. Herkunftssprachen sind hier Ressource, keine Notlösung.

Fachwort-Igel: Im Fachunterricht werden Fachbegriffe um ein Kernwort wie „Fotosynthese“ gesammelt. Passt für sprachsensiblen Fachunterricht. Achte darauf, Alltags- und Fachwörter getrennt zu markieren.

Vom Stachel zum Satz

Ob aus dem Igel Wortschatz wird oder nur ein Tafelbild, entscheidet sich an wenigen Impulsen. Diese lassen sich direkt übernehmen.

  • Start: „Schreib eine Minute lang allein alle Wörter auf, die dir zu diesem Wort einfallen. Jedes Wort zählt.“
  • Impuls für Verben: „Was machst du, wenn …? Was kann ein …?“ Für Erwachsene: „Welche Tätigkeiten gehören dazu?“
  • Impuls für Adjektive: „Wie ist …? Wie fühlt es sich an, wie sieht es aus, wie klingt es?“
  • Akzent-Igel: Beim Sammeln bekommt jedes Wort gleich seinen Wortakzent: ein Strich unter dem betonten Vokal, wenn er lang ist, ein Punkt, wenn er kurz ist. „der Regen“ bekommt den Strich unter dem e, „das Gewitter“ den Punkt unter dem i. Die Gruppe spricht jedes Wort einmal und klopft auf die betonte Silbe. So landet das Wort mit Artikel und Klang im Kopf, nicht nur mit seiner Schreibung.
  • Artikelfarben: Blau für der, Rot für die, Grün für das, gleiche Farben auf Tafel, Plakat und Arbeitsblatt.
  • Satzauftrag: „Nimm drei Wörter aus dem Igel und bilde einen Satz. Lies ihn deiner Nachbarin oder deinem Nachbarn vor.“
  • Abschluss-Check: „Welches Wort aus dem Igel ist neu für dich? Schreib es mit Artikel, Akzent und einem Beispielsatz in dein Wörterheft.“
  • Online: Minidialoge statt Wortliste: Gesammelt wird am digitalen Whiteboard, alle schreiben gleichzeitig. Danach bauen Paare im Breakout-Raum aus drei Igelwörtern einen Minidialog mit zwei, drei Zeilen und sprechen ihn im Plenum. Dabei braucht es Verben und Adjektive von selbst, und die Nomen kommen im Satz an.

Wo der Igel nur hübsch ist

Sammeln ist nicht Lernen: Vierzig Wörter, ins Heft abgeschrieben, sind nächste Woche größtenteils vergessen. Plane für das Benutzen mindestens so viel Zeit ein wie für das Sammeln.

Immer dieselben Stimmen: Im Plenum rufen drei Kinder alles herein. Eine Minute stilles Sammeln auf dem eigenen Zettel vorher gibt allen eine Chance, und die Reihenfolge beim Anschreiben kann reihum gehen.

Nur Nomen: Ohne Impuls kommen fast ausschließlich Nomen. Frag gezielt nach Verben und Adjektiven, lass einen zweiten Igel nur für eine Wortart anlegen, oder bring die Wörter sofort in Minidialoge: Dort braucht es Verben von selbst.

Artikel vergessen: „Gewitter“ ohne Artikel wird später leicht als „die Gewitter“ gelernt. Nomen kommen grundsätzlich mit Artikel an den Igel, am besten farbig.

Ähnliche neue Wörter auf einmal: Werden viele neue Wörter einer engen Bedeutungsgruppe gleichzeitig eingeführt, etwa warm, heiß, lauwarm, kühl, verwechseln Lernende sie leichter. Der Igel ist stark zum Aktivieren und Ordnen. Neue Wörter kommen pro Igel höchstens drei bis fünf dazu, möglichst verschiedene; ähnliche führst du verteilt über mehrere Stunden ein.

Igel ohne Kontext: Ein Igel zu „Tiere“ ohne anschließenden Text, Dialog oder Schreibauftrag bleibt Selbstzweck. Ein Igel ohne Anschluss ist Tafelschmuck.

Warum Wörter im Netz besser halten

Warum Wörter im Netz besser halten

Wörter sind im Gedächtnis nicht einzeln abgelegt, sondern in Netzen aus Bedeutung, Klang und Gebrauch. Der Wortigel aktiviert dieses Netz und knüpft Neues an Bekanntes an. Gelernt werden Wörter aber vor allem, wenn sie ausdrücklich geklärt werden; eine Metaanalyse fand für ausdrückliche Wortschatzvermittlung große Effekte, untersucht bei jungen Kindern (Marulis & Neuman, 2010). Ähnliche neue Wörter, gemeinsam eingeführt, können einander stören (Erten & Tekin, 2008). Aktivieren und Benutzen gehören deshalb zusammen.

Studienlage: Zum Wortigel als eigener Methode gibt es keine Studien; ausdrückliche Wortschatzvermittlung wirkt nach einer Metaanalyse bei jungen Kindern stark, und eine Studie zeigt, dass neue Wörter aus derselben engen Bedeutungsgruppe gemeinsam eingeführt schlechter behalten werden.

Wann lieber eine andere Methode?

Der Wortigel ist für Wortschatz gemacht. Geht es um Ideen, Struktur oder Übung, passt oft eine andere Methode besser.

Wenn Ideen für einen Text gesammelt werden sollen

Das Clustering verbindet Assoziationen zu Ketten und führt direkt ins Schreiben.

Wenn ein Thema hierarchisch gegliedert werden soll

Die Mindmap ordnet Inhalte in Haupt- und Unteräste. Sie passt eher für Inhalte als für Wortschatz.

Wenn Vorwissen breit gesammelt werden soll

Die ABC-Liste nutzt das Alphabet als Suchraster und lockt auch ungewöhnliche Begriffe hervor.

Wenn Wortschatz spielerisch erweitert werden soll

Die Wörtertreppe baut Wörter Stufe für Stufe auf und verbindet Wortschatz mit Rechtschreibung.

Wenn Artikel gefestigt werden sollen

Beim Artikelwettbewerb üben Lernende Artikel im Spiel, oft mit Wörtern aus einem vorherigen Igel.

Wenn Wörter mit Bewegung gebildet werden sollen

Bei Wörter im Raum bilden setzen Lernende Wörter körperlich aus Teilen zusammen.

Praxisimpuls: Vom Igel zum Satz

Der Igel an der Tafel ist voll, die Kinder sind zufrieden, die Stunde ist um. Eine Woche später kennt kaum jemand die Wörter noch. Was fehlt, ist kein größerer Igel, sondern ein Blatt, auf dem jede Person selbst sammelt, nach Wortarten ordnet und die Wörter sofort in eigene Sätze bringt.

Vom Igel zum Satz ist genau dieses Blatt. Das Mini-PDF hat vier Seiten: ein Deckblatt mit Einsatzhinweis, eine Wortigel-Tabelle mit Spalten für Nomen mit Artikel, Verben und Adjektive, eine Seite, auf der in drei Stufen aus Igelwörtern Sätze und ein kurzer Text werden, und eine Seite mit sechs Varianten für die Lehrkraft und einem Hinweis zu ähnlichen Wörtern. Ausdrucken, Kernwort eintragen, sammeln lassen und die Sätze nicht vergessen.

Einsatzideen nach Zielgruppe und Situation

Der Wortigel passt überall dort, wo ein neues Thema beginnt und der Wortschatz dafür sichtbar werden soll.

  1. Klasse 1, Sachunterricht:

    Ein Igel zu „Herbst“ mit Bildkarten statt Wörtern, die Lehrkraft schreibt das Wort mit Artikel dazu.

  2. Klasse 3, Deutsch:

    Vor einer Bildergeschichte sammelt die Klasse Verben zum Kernwort „Spielplatz“ und nutzt sie danach beim Schreiben.

  3. DaZ-Klasse:

    Ein Artikel-Igel zu „Schule“ mit drei Farben, danach Sätze nach dem Muster „Ich brauche …“.

  4. Englisch, Klasse 5:

    Ein Igel zu „food“ vor einer Dialogübung im Restaurant, Wörter werden direkt im Rollenspiel benutzt.

  5. Integrationskurs A2:

    Ein Igel zu „Arzt“ vor einem Hörtext, danach werden neue Wörter aus dem Hörtext ergänzt.

  6. Berufssprachkurs:

    Fachwort-Igel zu „Arbeitsschutz“, getrennt in Alltags- und Fachsprache.

  7. Biologie, Klasse 7:

    Fachwort-Igel zu „Fotosynthese“ zur Wiederholung vor der Klassenarbeit.

  8. Erwachsenenbildung:

    Teilnehmende sammeln vor einem Seminar zu Kommunikation Wörter zu „Gespräch“ und merken, wie unterschiedlich ihre Begriffe sind.

Was in der Praxis gefragt wird

Was ist der Unterschied zwischen Wortigel, Assoziogramm, Wortstern und Wortspinne?
Es sind verschiedene Namen für dasselbe Prinzip: ein Kernwort in der Mitte, Wörter strahlenförmig darum. In DaF-Lehrwerken heißt es meist Assoziogramm, in Grundschule und DaZ oft Wortigel.
Was ist der Unterschied zur Mindmap?
Die Mindmap gliedert Inhalte in Haupt- und Unteräste. Der Wortigel sammelt Wörter auf einer Ebene und ordnet sie danach nach Wortarten, er zielt auf Sprache, nicht auf Inhaltsstruktur.
Ab welchem Alter funktioniert der Wortigel?
Ab Klasse 1 mit Bildkarten und vorgeschriebenen Wörtern, in DaZ und DaF ab Niveau A1. Mit Erwachsenen funktioniert er genauso, etwa als Fachwort-Igel.
Wie viele Wörter sollten an den Igel?
So viele, wie danach wirklich benutzt werden können. Zehn bis zwanzig Wörter mit anschließendem Satzbau bringen mehr als vierzig Wörter ohne, und neue Wörter höchstens drei bis fünf.
Warum den Wortakzent schon beim Sammeln markieren?
Weil das Wort sonst nur als Schriftbild ankommt. Ein Strich oder Punkt unter dem betonten Vokal kostet Sekunden und erspart späteres Umlernen.
Wie sichere ich die Ergebnisse?
Den Igel fotografieren oder hängen lassen, neue Wörter mit Artikel und Beispielsatz ins Wörterheft, in der nächsten Stunde aus dem Gedächtnis ergänzen lassen.

Fazit

Der Wortigel ist eine der einfachsten Methoden der Wortschatzarbeit und gerade deshalb oft unterschätzt. Er zeigt in wenigen Minuten, was eine Gruppe zu einem Thema schon sagen kann, und schafft einen gemeinsamen Ausgangspunkt für Text, Gespräch oder Schreiben.

Ob daraus Wortschatz wird, entscheidet sich nach dem Sammeln: allein starten, nach Wortarten ordnen, Artikel und Akzent gleich mit anschreiben, wenige neue Wörter auf einmal, und vor allem sofort Sätze oder Minidialoge. Dann wird aus dem Tafelbild ein Werkzeug, mit dem Lernende tatsächlich sprechen und schreiben.

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