Fehlerversteigerung – Fehlerkorrektur im Fremdsprachenunterricht
Bei der Fehlerversteigerung sammelst du in einer freien Sprechphase fehlerhafte Sätze und schreibst sie anonymisiert an die Tafel. Die Gruppen haben Monopoly-Geld und entscheiden bei jedem Satz: Erkennen wir den Fehler? Dann bieten sie. Wer am höchsten bietet, muss korrigieren. Stimmt die Korrektur, zahlt jede andere Gruppe genau diese Summe, sonst geht das Geld an die Bank. Wer viel bietet, legt sich fest. Und genau dort setzt die Korrektur an.
Gruppen bieten auf echte Fehler aus dem Kurs und korrigieren sie: Fehler werden zur Ware statt zum Makel.
Wenn Fehler plötzlich etwas wert sind
Nach einer lebendigen Sprechphase hast du einen Zettel voller Fehler und ein Dilemma. Korrigierst du sofort, bremst du das Sprechen und stellst Einzelne bloß. Sammelst du nur, verpufft die Liste: Die Sätze stehen an der Tafel, alle nicken, und in der nächsten Stunde ist derselbe Fehler wieder da. Bei vielen Lernenden kommt dabei vor allem eine Botschaft an: Wer Fehler macht, steht im Mittelpunkt.
Die Fehlerversteigerung dreht diese Logik um. Die Sätze gehören niemandem mehr, sie werden anonymisiert zur Ware. Jede Gruppe muss bei jedem Satz entscheiden, ob sie den Fehler wirklich erkennt und wie viel ihr das wert ist. Ein Treffer bringt viel, ein Irrtum kostet vor allen Augen. Deshalb zeigt die Höhe des Gebots, wie sicher sich die Gruppe ist. Aus dem passiven Abnicken einer Fehlerliste wird eine Entscheidung mit Einsatz.
Richtig stark ist die Methode in dem Moment, in dem eine Gruppe danebenliegt: Sie hat viel gesetzt, die Korrektur stimmt nicht, und genau diese Form wird jetzt interessant. Dass ein fehlerfreundliches Klassenklima mit besserem Lernen aus Fehlern zusammenhängt, zeigt eine Studie aus dem Mathematikunterricht (Soncini et al., 2022); die Versteigerung ist ein spielerischer Weg, dieses Klima im Sprachkurs herzustellen.
Vom Zuhören bis zum Zuschlag
Zuhören und mitschreiben (10–15 Min.): Die Lernenden sprechen im Klassenspaziergang mit wechselnden Partner:innen zu einem klaren Auftrag, etwa „Fragen Sie drei Personen, was sie am Wochenende gemacht haben.“ Du gehst mit und notierst fehlerhafte Sätze wörtlich, ohne einzugreifen. Auch ein Kugellager oder der Autogrammjäger liefern genug Sätze. Wer nicht gut herumgehen kann, bleibt sitzen, und die anderen kommen an den Platz.
Sätze auswählen und anonymisieren (4–5 Min.): Während die Gruppe kurz Pause macht, wählst du sechs bis acht Sätze zu den Strukturen, die gerade dran sind. Namen, Orte und persönliche Details tauschst du aus, die Struktur bleibt. Ein, zwei eigene Fehlersätze mischst du dazu. Jeder Satz enthält genau einen Fehler.
Gruppen und Kasse (3 Min.): Vier Gruppen, jede bekommt Monopoly-Geld im Wert von 1.000. Du bist die Bank. An die Tafel kommen die Regeln: Mindestgebot 50, gesteigert wird in 50er-Schritten, höchstens die Hälfte der eigenen Kasse. Innerhalb jeder Gruppe wandert die Sprecherkarte nach jedem Satz eine Person weiter.
Bieten (rund 2 Min. pro Satz): Du schreibst einen Satz an. Die Gruppen beraten 30 Sekunden und entscheiden, ob sie den Fehler erkennen. Wer unsicher ist, bietet nicht. Dann wird geboten, und die Gruppe mit dem höchsten Gebot muss korrigieren: Die Person mit der Sprecherkarte sagt den Satz richtig.
Auszahlen und sichern (rund 30 Sek. pro Satz): Stimmt die Korrektur, zahlt jede andere Gruppe der Gewinnergruppe genau das Gebot: Bei 100 zahlen Rot, Blau und Gelb je 100. Stimmt sie nicht, geht das Gebot an die Bank. In beiden Fällen schreibst du die korrekte Form mit der Regel in einer Zeile an, und alle sprechen den Satz einmal halblaut mit.
Kassensturz und Transfer (5 Min.): Die Gruppen zählen ihr Geld, die reichste Gruppe bekommt ihren Applaus. Danach notiert jede Person den einen Satz, den sie ab heute nicht mehr falsch sagen will, und schreibt einen eigenen Beispielsatz mit derselben Struktur dazu.
Wenn die Grundregeln nicht zur Gruppe passen
Satzpaare mit gelungenen Sätzen: Neben jeden Fehlersatz schreibst du einen gelungenen Satz aus dem Kurs mit ähnlicher Struktur. Die Gruppe zeigt zuerst auf den falschen Satz und korrigiert ihn dann. So sehen die Lernenden auch, was sie schon richtig sagen, und ein gut gewählter richtiger Satz wird zum Köder.
Grammatikauktion nach Rinvolucri: Die Gruppen bekommen eine Liste mit gemischten richtigen und falschen Sätzen und kaufen nur die, die sie für korrekt halten. Wer am Ende die meisten richtigen Sätze besitzt, gewinnt. Passt für Fehler aus schriftlichen Texten und für ruhige Gruppen, weil niemand vorsprechen muss. Dafür fehlt der Sprechmoment.
Verdeckte Gebote: Alle Gruppen schreiben ihr Gebot gleichzeitig auf einen Zettel oder ein Mini-Whiteboard. Das nimmt lauten Gruppen den Vorteil, und du siehst bei jedem Satz, wie sicher sich jede Gruppe ist, nicht nur die mutigste. Plane etwa zehn Sekunden mehr pro Satz ein.
Hörversion ohne Tafel: Du sprichst den Satz, statt ihn anzuschreiben, und wiederholst ihn einmal. Das passt für Alpha- und A1-Kurse und für Wortakzent oder Satzmelodie. Sprich den Fehler ganz natürlich, ohne ihn zu betonen, sonst verrät die Stimme die Lösung.
Profirunde ab B2: Unter die Fehlersätze mischst du einzelne korrekte Sätze. Wer den Zuschlag bekommt, muss erst sagen, ob überhaupt ein Fehler drinsteckt. Das zwingt zur genauen Prüfung jedes Satzes. Sinnvoll erst, wenn die Gruppe die Grundform kennt.
Online im Videokurs: Die Gruppen beraten in Breakout-Räumen, Gebote kommen als private Chatnachricht an dich, die Sätze stehen auf dem geteilten Bildschirm. Den Kontostand aller Gruppen führst du sichtbar auf einer Folie mit.
Auktionskoffer: Ansagen, Paare, Timing
Mit diesen Bausteinen läuft die erste Versteigerung ohne Anlaufschwierigkeiten. Die Beispiele stammen aus DaF-Kursen und lassen sich auf jede Zielsprache übertragen.
- So moderierst du an: „Ich habe Ihnen eben zugehört und Sätze gesammelt. In jedem steckt ein Fehler. Von wem sie sind, ist egal, einige sind auch von mir. Heute sind Fehler Geld wert.“
- Mitschreiben mit Kürzeln: Notiere fehlerhafte Sätze wörtlich und setze ein Kürzel für die Struktur dahinter, etwa „Perf“ für Perfekt oder „V2“ für die Verbposition. Gelungene Sätze kommen an den Rand, falls du Satzpaare spielen willst. So findest du in der Pause in Sekunden die passenden Sätze.
- Ein Satz für die Auktion: Ein Fehler eignet sich, wenn er häufig vorkommt, zum Lernziel passt, mit einer Regel in einer Zeile erklärbar ist und keiner Person zugeordnet werden kann.
- Ein Fehlersatz für A2/B1: „Am Sonntag ich habe lange geschlafen.“ Das Hilfsverb steht nicht an Position 2. Spielst du mit Satzpaaren, stell „Am Samstag bin ich mit meiner Schwester ins Kino gegangen.“ daneben: Das „bin“ ist ein bewusster Köder. Wer beim Perfekt mit „sein“ unsicher ist, setzt hier aufs falsche Pferd.
- Die Stimme der Bank: „Satz Nummer drei. Wer bietet 50? … Gruppe Grün bietet 150. Wer bietet mehr? Zum Ersten, zum Zweiten, verkauft an Grün!“ Nach einer richtigen Korrektur: „Rot, Blau, Gelb, je 150 an Grün.“ Nach einem Verlust: „Teurer Satz. Genau den merken Sie sich ab heute.“
- Ein Fehlersatz für Englisch (A2): „Yesterday I have seen a great film.“ Abgeschlossenes mit Zeitangabe, trotzdem Present Perfect: einer der hartnäckigsten Fehler deutschsprachiger Lernender.
Wo der Hammer danebenfällt
Wiedererkennung: Erkennt jemand den eigenen Satz, wird aus Fehlertoleranz Bloßstellung, erst recht, wenn die Gruppe lacht. Tausche alles, was auf eine Person verweist (Herkunftsland, Kinder, Arbeitsplatz). In einer Gruppe mit acht Personen reicht schon ein Beruf zur Wiedererkennung.
Fehlerauswahl: Seltene, eigenwillige Fehler machen die Auktion zum Ratespiel. Versteigere nur Fehler, die mehrere Personen gemacht haben oder die zum aktuellen Lernziel gehören und sich mit einer Regel in einer Zeile erklären lassen.
Pleite: Eine Gruppe ohne Geld schaltet ab. Das Höchstgebot von einer halben Kasse verhindert das meist. Fällt eine Gruppe trotzdem unter 100, bekommt sie von der Bank einen Kredit von 200. Wer nicht voll zahlen kann, zahlt, was in der Kasse ist. Ausscheiden gibt es nicht.
Immer dieselbe Stimme: In vielen Gruppen spricht automatisch die sicherste Person. Mit der Sprecherkarte berät die ganze Gruppe, sagen darf den Satz aber nur, wer die Karte gerade hat.
Streit um die Lösung: Lege vor dem ersten Gebot fest, was als richtig gilt: „Sie sagen den Satz korrekt. Jede korrekte Variante zählt.“ Ist eine Lösung anders als deine, aber richtig, wird sie ausgezahlt. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der ganzen Stunde.
Teurer Irrtum ohne Nachfrage: Der lernwirksamste Moment ist das verlorene Höchstgebot. Halte dort 20 Sekunden an und frag: „Was hat Sie so sicher gemacht?“ Die Antwort zeigt dir, welche Regel im Kopf der Gruppe steckt und woran deine nächste Übung ansetzt.
Warum der teure Irrtum hängen bleibt
Ein Gebot ist ein Sicherheitsurteil: Mit Geld zeigt die Gruppe, wie überzeugt sie ist. Aus der Gedächtnisforschung ist der Hyperkorrektureffekt bekannt: Irrtümer, die mit hoher Sicherheit begangen wurden, werden nach einer Rückmeldung eher korrigiert als unsichere, belegt unter anderem in einer Laborstudie, in der Studierende sich an gelernte Sätze erinnern sollten (Fazio & Marsh, 2010). Plausibel ist, dass die Überraschung beim verlorenen Höchstgebot die Aufmerksamkeit auf die korrekte Form lenkt. Zur Fehlerversteigerung selbst gibt es keine Studien.
Studienlage: Zur Fehlerversteigerung selbst gibt es keine Studien; übertragbar sind nur Befunde zum Hyperkorrektureffekt aus der Gedächtnisforschung und zum Fehlerklima aus dem Mathematikunterricht.
Wann lieber eine andere Methode?
Die Fehlerversteigerung braucht echte Sätze aus dem Kurs und eine Gruppe, die Wettbewerb aushält. Fehlt eins davon oder ist das Ziel ein anderes, passt eine dieser Methoden besser.
Praxisimpuls: Das Auktionsset zum Ausdrucken
Bei der Fehlerversteigerung müssen zwei Dinge im Kurs schnell gehen: das Mitschreiben während des Klassenspaziergangs und klare Regeln, sobald das erste Gebot fällt. Wer beides improvisiert, verliert die besten Sätze oder diskutiert mitten in der Auktion darüber, wer wem wie viel zahlt.
Das Auktionsset hat fünf Seiten: ein Deckblatt mit Einsatzhinweis, für dich eine Seite mit dem Ablauf in sechs Schritten und dem Anonymisierungs-Check und einen Notizbogen mit Strukturkürzeln und Platz für zwei Dutzend Sätze, dazu als Kopiervorlagen eine Regelkarte für die Tafel, die die Lernenden direkt anspricht, und eine Seite mit Gebotszetteln für verdeckte Runden und Sprecherkarten für jede Gruppe. Während der Auktion musst du nichts mehr erklären, nur noch versteigern. Ausdrucken, Monopoly-Geld dazulegen, und die erste Versteigerung kann beginnen.
Einsatzideen nach Zielgruppe und Situation
Die Grundidee bleibt gleich. Der Satzpool, die Kasse und die Härte der Regeln ändern sich mit der Gruppe.
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Kita-Sprachförderung:
Eine Handpuppe sagt zwei Sätze, einer klingt „komisch“. Die Kinder legen einen Muggelstein auf die Bildkarte des Satzes, der richtig klingt, und sprechen ihn gemeinsam nach. Von der Auktion bleibt hier nur das Setzen, verlieren kann niemand.
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Grundschule DaZ:
Sätze aus dem Morgenkreis, eine Bildkarte neben jedem Satz, die Kasse aus Spielchips. Die Sprecherkarte sorgt dafür, dass nicht nur die sicheren Kinder sprechen.
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Englisch in der Sekundarstufe:
Nach Interviews in Partnerarbeit zu „Last weekend“ kommt das Simple Past unter den Hammer. Verdeckte Gebote bremsen die Lautesten und geben stillen Gruppen eine echte Chance.
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Integrationskurs B1:
Kurz vor der Prüfung werden Sätze aus der mündlichen Probeprüfung versteigert. Typische Kandidaten sind das Perfekt mit „sein“ und die Verbposition im Nebensatz.
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Berufssprachkurs:
Die Sätze stammen aus Rollenspielen am Telefon oder an der Rezeption. Die Profirunde passt gut: Hier kann auch ein grammatisch korrekter Satz danebenliegen, weil Register oder Fachbegriff nicht stimmen.
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Hochschule:
Im Sprachkurs vor dem Auslandssemester werden Sätze aus Kurzpräsentationen versteigert. Wer vor Publikum präsentieren muss, merkt hier, welche eigenen Formen unter Druck noch wackeln.
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Firmenenglisch:
Führungskräfte, die vor Kolleg:innen ungern Fehler zeigen, steigen über verdeckte Gebote und Sätze aus einem Meeting-Rollenspiel ein. Es geht sichtbar um den Satz, nie um die Person.
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Seniorenkurs an der Volkshochschule:
Langsames Tempo, große Schrift an der Tafel, kleine Gebotsschritte. Viele Gruppen spielen lieber ohne Siegerehrung. Hauptsache, die Sätze aus dem Urlaubsgespräch sitzen.
Was vor der ersten Auktion gefragt wird
Ist Monopoly-Geld bei Erwachsenen nicht zu kindisch?
Lohnt es sich nicht, einfach immer hoch zu bieten?
Warum zahlen auch Gruppen, die gar nicht geboten haben?
Was ist, wenn jemand den eigenen Satz trotzdem erkennt?
Geht das auch ohne Klassenspaziergang?
Wie viele Sätze sind sinnvoll?
Erzeugt der Wettbewerb nicht genau die Angst, die er abbauen soll?
Lassen sich auch Aussprachefehler versteigern?
Fazit
Die Fehlerversteigerung macht aus der Fehlerbesprechung nach einer Sprechphase eine Entscheidung. Jede Gruppe überlegt bei jedem Satz: Erkennen wir den Fehler, und wie viel ist uns das wert? Wer am höchsten bietet, muss korrigieren. Richtig heißt: Jede andere Gruppe zahlt das Gebot. Falsch heißt: Das Gebot geht an die Bank. So zeigt das Gebot, wie sicher sich die Gruppe ist. Stark wird die Methode mit echten, häufigen Fehlern aus dem Kurs und einer Anonymisierung, die niemanden bloßstellt. Nebenbei verrät sie dir, welche Regeln deine Gruppe für sicher hält, obwohl sie es noch nicht sind. Und der teuerste Irrtum der Stunde ist oft der Satz, an den sich die Gruppe in der nächsten Stunde noch erinnert.