Experteninterview – Fachwissen gezielt erschließen
Ein Experteninterview macht Fach- oder Erfahrungswissen direkt zugänglich. Entscheidend sind eine klare Rollenklärung, sorgfältig entwickelte Fragen und eine Auswertung, die Aussagen prüft, ordnet und für die weitere Arbeit nutzbar macht.
Experteninterviews erschließen Fachwissen durch gute Fragen, klare Rollen und strukturierte Auswertung.
Experteninterview: Wenn Fachwissen nicht nur recherchiert, sondern gezielt befragt werden soll
Bei komplexen Themen reichen vorbereitete Texte, Webseiten oder Lehrbuchkapitel häufig nicht aus. Gerade Erfahrungswissen, berufliche Entscheidungslogiken, aktuelle Praxisfragen oder unterschiedliche fachliche Einschätzungen bleiben in schriftlichen Quellen oft unsichtbar. Ein spontan geführtes Gespräch löst dieses Problem jedoch nicht automatisch: Ohne Recherche und klare Fragen entsteht schnell eine freundliche Unterhaltung, aus der sich nur wenige belastbare Erkenntnisse sichern lassen.
Das Experteninterview verbindet fachliche Vorbereitung mit gezielter Gesprächsführung. Die Lernenden klären zunächst, welches Wissen sie benötigen, recherchieren den Kontext und entwickeln Fragen, die über allgemein bekannte Informationen hinausführen. Die befragte Person wird nicht nur als interessante Gästin oder interessanter Gast eingeladen, sondern übernimmt eine klar definierte Rolle als Träger:in von Fach- oder Erfahrungswissen.
Besonders stark ist die Methode, wenn Aussagen anschließend geordnet, geprüft und mit anderen Quellen verbunden werden. Der Erkenntnisgewinn entsteht nicht allein durch die Begegnung, sondern durch die Verbindung von Vorwissen, präzisen Fragen, aktivem Zuhören und strukturierter Auswertung.
Ablauf
1. Erkenntnisinteresse klären
Lege fest, was durch das Interview besser verstanden werden soll. Statt des breiten Auftrags „Wir befragen eine Expertin zum Thema Pflege“ braucht es einen konkreten Fokus, etwa Entscheidungsdruck im Arbeitsalltag, typische Fehlerquellen oder Veränderungen im Berufsfeld.
2. Expertenrolle und Rahmen abstimmen
Kläre, aufgrund welchen Fach- oder Erfahrungswissens die Person befragt wird und welche Themen sie abdecken kann. Vereinbare Dauer, Format, Zielgruppe, Aufzeichnung, Datenschutz und Grenzen des Gesprächs vorab.
3. Fachlich recherchieren
Die Lernenden sammeln Grundwissen, klären Begriffe und prüfen bereits verfügbare Informationen. Das Interview sollte nicht für Fragen genutzt werden, die mit wenigen Minuten Recherche beantwortbar wären.
4. Fragen entwickeln und ordnen
Formuliere offene, konkrete und aufeinander aufbauende Fragen. Ordne sie nach Themenblöcken und kennzeichne Kernfragen, mögliche Vertiefungsfragen und Fragen, die bei Zeitmangel entfallen können.
5. Rollen für die Durchführung verteilen
Bestimme, wer moderiert, nachfragt, auf die Zeit achtet, zentrale Aussagen dokumentiert und offene Punkte sammelt. Bei größeren Gruppen verhindert diese Rollenklärung, dass das Gespräch von einzelnen Personen dominiert wird.
6. Interview führen und flexibel vertiefen
Die vorbereiteten Fragen geben Orientierung, werden aber nicht mechanisch abgelesen. Nachfragen greifen konkrete Aussagen auf, klären Begriffe oder fordern Beispiele, ohne die befragte Person zu unterbrechen oder in eine gewünschte Antwort zu drängen.
7. Aussagen auswerten und prüfen
Ordne die Ergebnisse nach Themen, Kernaussagen, Beispielen, offenen Fragen und möglichen Widersprüchen. Trenne klar zwischen Aussage der Expertin oder des Experten, Interpretation der Gruppe und zusätzlicher fachlicher Prüfung.
Varianten
Live-Experteninterview im Plenum
Eine Person oder ein kleines Interviewteam führt das Gespräch vor der gesamten Gruppe. Diese Variante ermöglicht gemeinsame Aufmerksamkeit, braucht aber vorbereitete Zuhöraufträge, damit die übrigen Teilnehmenden nicht passiv bleiben.
Interview in Kleingruppen
Mehrere Gruppen befragen dieselbe oder unterschiedliche Fachpersonen zu verschiedenen Teilfragen. Diese Form erhöht die Aktivität, verlangt aber eine abgestimmte Auswertung, damit die Ergebnisse später vergleichbar werden.
Digitales Experteninterview
Das Gespräch findet per Videokonferenz statt. Diese Variante erleichtert den Zugang zu externen Fachpersonen, braucht jedoch klare Technikabsprachen, kurze Fragen und eine eindeutige Moderation.
Asynchrones Experteninterview
Fragen werden schriftlich, per Audio oder Video übermittelt und später beantwortet. Diese Form gibt der Fachperson mehr Vorbereitungszeit, reduziert aber spontane Nachfragen und dialogische Vertiefung.
Expert:innenpanel
Mehrere Fachpersonen beantworten dieselben Kernfragen und reagieren auf unterschiedliche Perspektiven. Entscheidend ist, dass das Format nicht zu einer allgemeinen Podiumsdiskussion ohne klare Interviewstruktur wird.
Interview mit Erfahrungswissen
Befragt wird nicht zwingend eine akademisch ausgewiesene Fachperson, sondern jemand mit konkreter beruflicher, biografischer oder praktischer Erfahrung. Die Expertise muss transparent benannt werden, damit persönliche Erfahrung und allgemeine Fachgeltung nicht verwechselt werden.
Warum Experteninterviews Vorwissen und neue Perspektiven verbinden
Ein Experteninterview aktiviert vorhandenes Wissen, weil gute Fragen nur auf einer fachlichen Grundlage entstehen können. Während des Gesprächs müssen die Zuhörenden neue Aussagen mit bekannten Begriffen und Zusammenhängen verknüpfen, relevante Informationen auswählen und bei Unklarheiten nachfragen. Konkrete Erfahrungen und Beispiele erleichtern dabei die Einordnung abstrakter Inhalte. Besonders wirksam wird die Methode, wenn das Gehörte anschließend abgerufen, geordnet und kritisch mit anderen Quellen verglichen wird.
Didaktische Hinweise
Expertise genau bestimmen
Eine bekannte, engagierte oder interessante Person ist nicht automatisch für jede Frage Expert:in. Vor dem Interview muss klar sein, auf welchem Wissen, welcher Erfahrung oder welcher Rolle die Expertise beruht und wo ihre Grenzen liegen.
Recherche vor Fragenentwicklung setzen
Ohne Vorwissen bleiben Fragen oberflächlich oder wiederholen öffentlich verfügbare Informationen. Gute Interviews beginnen dort, wo die Recherche noch Lücken, Spannungen oder erklärungsbedürftige Praxisfragen offenlässt.
Fragen nicht als Referat tarnen
Lange Einleitungen, mehrere Unterfragen und eingebaute Bewertungen überfrachten das Gespräch. Eine tragfähige Frage ist knapp, verständlich und öffnet genau einen gedanklichen Raum.
Keine Antworten suggerieren
Fragen wie „Ist es nicht so, dass …?“ lenken die Fachperson in eine erwartete Richtung. Besser sind offene Formulierungen wie „Wie beurteilen Sie …?“ oder „Welche Faktoren spielen aus Ihrer Sicht eine Rolle?“
Nachfragen aus dem Gesagten entwickeln
Ein Interview verliert Tiefe, wenn nur ein vorbereiteter Fragenkatalog abgearbeitet wird. Die moderierende Person muss Schlüsselbegriffe, Widersprüche, Beispiele und überraschende Aussagen aufnehmen und gezielt vertiefen.
Aussagen nicht ungeprüft übernehmen
Expert:innenwissen ist wertvoll, aber nicht automatisch vollständig, neutral oder fehlerfrei. Aussagen sollten mit Quellen, anderen Perspektiven oder fachlichen Kriterien abgeglichen werden, besonders bei kontroversen oder aktuellen Themen.
Praxisbaukasten: Experteninterviews fachlich vorbereiten und auswerten
Die folgenden Prüffragen und Formulierungen helfen dabei, Erkenntnisinteresse, Expertenrolle, Fragenentwicklung, Gesprächsführung und Auswertung sauber miteinander zu verbinden.
Erkenntnisinteresse schärfen
Was wollen wir nach dem Interview besser verstehen?
Welche Frage ist durch normale Recherche noch nicht ausreichend beantwortet?
Welches Erfahrungswissen ist für unser Thema besonders wertvoll?
Welche Entscheidung, Entwicklung oder Schwierigkeit soll sichtbar werden?
Expertise prüfen
Worin besteht die konkrete Expertise der Person?
Welche berufliche, fachliche oder biografische Erfahrung bringt sie mit?
Zu welchen Fragen kann sie belastbar Auskunft geben?
Wo liegen erkennbare Grenzen ihrer Perspektive?
Gute Einstiegsfragen
„Welche Rolle spielt dieses Thema in Ihrer täglichen Arbeit?“
„Welche Entwicklung hat das Arbeitsfeld in den letzten Jahren besonders verändert?“
„Welche Vorstellung Außenstehender trifft die Praxis nur unzureichend?“
„Woran erkennt eine erfahrene Fachkraft, dass eine Situation kritisch wird?“
Vertiefungsfragen
„Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?“
„Welche Faktoren beeinflussen diese Entscheidung?“
„Was geschieht, wenn dieser Schritt ausgelassen wird?“
„Gibt es Situationen, in denen das Gegenteil gilt?“
„Wie hat sich Ihre Einschätzung dazu verändert?“
Fragen zu Grenzen und Unsicherheit
„Welche Frage lässt sich in Ihrem Fachgebiet nicht eindeutig beantworten?“
„Wo unterscheiden sich fachliche Positionen?“
„Welche Aussage würden Sie nur unter bestimmten Bedingungen treffen?“
„Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit noch mit Unsicherheit?“
Zuhöraufträge für die Gruppe
Notiere eine neue fachliche Erkenntnis.
Halte ein konkretes Praxisbeispiel fest.
Markiere eine Aussage, die geprüft werden sollte.
Formuliere eine sinnvolle Anschlussfrage.
Achte auf einen Begriff, der genauer geklärt werden muss.
Auswertungsraster
Kernaussage, Begründung, Beispiel, offene Frage, zu prüfende Aussage, mögliche Gegenperspektive, Bedeutung für die weitere Arbeit
Moderationssätze im Interview
„Ich greife einen Begriff aus Ihrer Antwort noch einmal auf.“
„Was bedeutet das konkret in der Praxis?“
„Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Wie begründen Sie Ihre Position?“
Weiterführende Materialien
Wann lieber eine andere Methode?
Das Experteninterview ist stark, wenn spezifisches Fach- oder Erfahrungswissen gezielt erschlossen werden soll. Für Kennenlernen, Rollenspiel, offene Plenumsfragen oder standardisierte Datenerhebung sind andere Methoden passender.
Praxisimpuls
Ein Experteninterview wird nicht automatisch ergiebig, nur weil eine interessante Fachperson eingeladen ist. Das Mini-PDF unterstützt dich dabei, Erkenntnisinteresse, Expertenrolle, Kernfragen, Vertiefungsfragen, Gesprächsrollen und Auswertung vorab sauber zu klären.
Der Kurzcheck hilft außerdem dabei, Aussagen der Fachperson von der Interpretation der Gruppe und der anschließenden fachlichen Prüfung zu unterscheiden. Ein kompakter Abschnitt zu Einverständnis, Datenschutz und Aufzeichnung ergänzt die Vorbereitung.
Einsatzideen nach Zielgruppe und Situation
Ein Experteninterview eignet sich überall dort, wo Fach- oder Erfahrungswissen eine Fragestellung konkreter, aktueller oder praxisnäher erschließen kann.
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Grundschule: Berufe aus erster Hand verstehen
Kinder befragen eine Fachperson zu typischen Aufgaben, Werkzeugen und Herausforderungen eines Berufs. Die Fragen werden vorab sprachlich vereinfacht und nach dem Gespräch in einer gemeinsamen Übersicht gesichert.
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Sekundarschule: Fachwissen zu gesellschaftlichen Themen
Eine Person aus Umwelttechnik, Journalismus, Medizin oder Verwaltung beantwortet vorbereitete Fragen. Die Schüler:innen unterscheiden anschließend fachliche Aussagen, persönliche Bewertungen und offene Streitfragen.
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Berufsschule: Betriebliche Entscheidungen nachvollziehen
Auszubildende befragen eine erfahrene Fachkraft zu Fehlerquellen, Qualitätskriterien oder schwierigen Entscheidungssituationen. Die Aussagen werden mit Ausbildungsstandards oder Fachliteratur abgeglichen.
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DaF/DaZ: Fachsprache im authentischen Gespräch
Lernende bereiten zentrale Begriffe, Satzstarter und Nachfragen vor. Das Interview schafft einen realen Anlass für Fachsprache, ohne spontane sprachliche Sicherheit vorauszusetzen.
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Universität: Forschungsfelder erschließen
Studierende interviewen Wissenschaftler:innen oder Praktiker:innen zu aktuellen Fragen eines Fachgebiets. Die Auswertung trennt Forschungsstand, persönliche Position und berufliche Erfahrung.
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Erwachsenenbildung: Praxiswissen für Transferfragen
Teilnehmende befragen eine erfahrene Person zu Umsetzungshürden, Entscheidungswegen oder typischen Fehlannahmen. Die Ergebnisse werden anschließend auf die eigene berufliche Situation übertragen.
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Unternehmen: Erfahrungswissen sichern
Mitarbeitende interviewen langjährige Kolleg:innen vor einem Rollenwechsel oder Ruhestand. Der Fokus liegt auf kritischen Situationen, informellen Abläufen und bewährten Entscheidungskriterien.
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Online-Training: Externe Expertise niedrigschwellig einbinden
Eine Fachperson wird für einen klar begrenzten Gesprächsblock zugeschaltet. Vorbereitete Kernfragen, digitale Zuhöraufträge und eine kurze Nachauswertung sichern den Erkenntnisgewinn.
Passendes Material zum Thema
TN zum Sprechen bringen
Du willst deine Teilnehmenden aktiver ins Sprechen bringen, fragst dich aber, wie echte Gesprächsdynamik entsteht – jenseits von Pflichtbeiträgen und immer denselben Wortmeldungen? Dann ist dieses Workbook genau das, was dir gefehlt hat.
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FAQ
Was unterscheidet ein Experteninterview vom Partnerinterview?
Ist jedes Gespräch mit einer Fachperson ein Experteninterview?
Was ist der Unterschied zum Heißen Stuhl?
Wie viele Fragen sind sinnvoll?
Dürfen Interviews aufgezeichnet werden?
Fazit
Ein Experteninterview ist mehr als eine Fragerunde mit einer interessanten Person. Es wird dann stark, wenn die Gruppe weiß, welches Wissen sie sucht, fachlich vorbereitet fragt und Aussagen anschließend kritisch einordnet.
Die zentrale Steuerentscheidung lautet: Die Expertise der befragten Person gibt dem Gespräch Tiefe, ersetzt aber weder Recherche noch Prüfung. Erst die Verbindung von Vorbereitung, aktivem Zuhören und strukturierter Auswertung macht das Interview zu einer belastbaren Methode für Unterricht, Seminar und Training.