Open Space – Großgruppen selbstorganisiert arbeiten lassen

Bei Open Space kommt die Agenda nicht fertig mit in den Raum. Die Teilnehmenden bringen ihre Anliegen ein, bauen daraus gemeinsam das Programm und entscheiden selbst, wo sie sich beteiligen.

Open Space organisiert selbstgewählte Anliegen in Sessions und macht Großgruppen handlungsfähig.

Großgruppenformat
Trainer:innen, Lehrkräfte, Dozent:innen
Themenarbeit, Entwicklung, Transfer

Open Space macht Anliegen zur Agenda

Viele Großgruppenformate erzeugen Beteiligung, obwohl das Programm im Kern bereits feststeht. Open Space geht weiter: Die Teilnehmenden bringen selbst die Themen ein, die für sie wirklich relevant sind, und entscheiden anschließend eigenständig, woran sie mitarbeiten. Gerade bei komplexen Fragestellungen kann dadurch eine Agenda entstehen, die näher an den tatsächlichen Fragen der Gruppe liegt als ein vorab geplantes Programm.

Die Offenheit ist allerdings nicht grenzenlos. Der thematische Rahmen, die verfügbare Zeit, die Räume und die organisatorischen Spielregeln stehen fest. Offen bleiben dagegen die konkreten Anliegen, die Sessionstruktur und die Entscheidung jeder Person, wo sie ihre Energie einsetzt. Aus den eingebrachten Anliegen entsteht im Marktplatz ein gemeinsamer Sessionplan.

Stark wird Open Space vor allem dann, wenn echtes Interesse, unterschiedliche Perspektiven und Entscheidungsspielraum vorhanden sind. Wer lediglich Beteiligung simulieren möchte oder bereits genau weiß, welche Ergebnisse herauskommen sollen, wählt besser ein stärker gesteuertes Format.

Ziel
Selbstorganisation
Dauer
3 Stunden bis 2 Tage Minuten
Sozialform
Großgruppe + Sessions
Materialaufwand
mittel
Steuerungsgrad
gering

Ablauf

1. Einen tragfähigen Rahmen setzen. Formuliere eine offene Leitfrage oder ein gemeinsames Thema, das für die Gruppe tatsächlich relevant ist und unterschiedliche Anliegen zulässt. Kläre außerdem Zeitrahmen, Räume, Dokumentation und die Frage, was nach dem Open Space mit den Ergebnissen geschieht.
2. Prinzipien und Selbstorganisation erklären. Zu Beginn wird erläutert, dass die Teilnehmenden selbst Themen einbringen, Sessions anbieten und zwischen Arbeitsgruppen wechseln dürfen. Besonders wichtig ist das „Gesetz der zwei Füße“ beziehungsweise das Prinzip der Bewegungsfreiheit: Wer weder lernt noch beiträgt, darf die Session wechseln.
3. Anliegen auf den Marktplatz bringen. Wer ein Thema bearbeiten möchte, nennt sein Anliegen, übernimmt Verantwortung für eine Session und trägt es mit Zeit und Ort in den gemeinsamen Plan ein. Anliegen werden nicht von der Moderation vorsortiert, solange sie zum vereinbarten Rahmenthema gehören.
4. Sessionplan gemeinsam entstehen lassen. Die eingebrachten Themen werden auf dem Marktplatz räumlich und zeitlich verteilt. Überschneidungen dürfen sichtbar bleiben: Die Teilnehmenden entscheiden selbst, welchem Anliegen sie folgen.
5. Selbstorganisierte Sessions durchführen. Die Arbeitsgruppen bearbeiten ihre Themen eigenständig. Die Person, die das Anliegen eingebracht hat, sorgt dafür, dass die Session starten kann und eine Ergebnissicherung erfolgt, muss aber nicht jede Minute moderieren.
6. Ergebnisse zusammenführen. Sessionergebnisse werden für alle zugänglich dokumentiert und je nach Ziel anschließend priorisiert, weiterbearbeitet oder in konkrete nächste Schritte überführt. Gerade dieser Übergang entscheidet darüber, ob Open Space nur intensiven Austausch oder tatsächliche Anschlussfähigkeit erzeugt.

Varianten

Kurz-Open-Space. Das Format wird auf wenige Stunden verdichtet und umfasst meist nur ein oder zwei Sessionrunden. Das kann funktionieren, wenn der Themenrahmen fokussiert ist; für komplexe Organisationsfragen ist die Zeit oft zu knapp.
Mehrtägiger Open Space. Bei größeren Veränderungs- oder Entwicklungsprozessen stehen mehrere Sessionrunden über einen oder mehrere Tage zur Verfügung. Dadurch können Themen vertieft, neu kombiniert und in Folgesessions weitergeführt werden.
Open Space mit Aktionsplanung. Nach der offenen Themenarbeit folgt eine eigene Phase, in der Ergebnisse priorisiert und Verantwortlichkeiten für konkrete Vorhaben übernommen werden. Diese Variante ist sinnvoll, wenn aus dem Austausch verbindliche nächste Schritte entstehen sollen.
Open Space im Bildungsbereich. Lernende oder Teilnehmende bringen Fragen, Vertiefungsinteressen oder Anwendungsprobleme zu einem gemeinsamen Themenfeld ein. Die fachliche Rahmung bleibt enger als bei einer organisationsweiten Open-Space-Konferenz.
Online-Open-Space. Marktplatz, Sessionwahl, Breakout-Räume und Dokumentation werden digital organisiert. Besonders wichtig ist eine sichtbare Sessionübersicht, damit Wechsel zwischen Gruppen technisch möglichst einfach bleiben.

Warum Open Space Eigenverantwortung und soziale Resonanz verstärkt

Open Space verbindet Wahlfreiheit mit unmittelbarer sozialer Rückmeldung. Teilnehmende entscheiden selbst, welches Thema für sie relevant ist, erleben direkt, wer dieses Interesse teilt, und gestalten die Bearbeitung eigenständig mit. Dadurch steigen Auswahl, Perspektivwechsel und persönliche Verantwortungsübernahme. Gleichzeitig wird sichtbar, welche Themen in der Gruppe tatsächlich Energie erzeugen. Der Lern- und Arbeitsprozess entsteht damit nicht allein aus vorgegebenen Inhalten, sondern aus eigener Entscheidung und gemeinsamer Bearbeitung.

Didaktische Hinweise

Das Rahmenthema darf nicht heimlich eng sein. Open Space funktioniert nicht, wenn zwar nach Anliegen gefragt wird, aber praktisch nur zwei vorher gewünschte Themen akzeptiert werden. Der Rahmen muss Orientierung geben und zugleich echte inhaltliche Offenheit zulassen.
Anliegen brauchen Verantwortung. Ein Thema kommt nicht deshalb auf den Marktplatz, weil „man darüber einmal reden müsste“. Wer ein Anliegen einbringt, übernimmt Verantwortung dafür, dass eine Session dazu stattfinden kann und das Ergebnis dokumentiert wird.
Nicht jede Leerstelle moderativ schließen. Wenn zunächst wenige Themen kommen oder eine Session klein bleibt, entsteht schnell der Impuls einzugreifen. Genau hier braucht die Moderation Zurückhaltung: Selbstorganisation bedeutet auch, dass manche Themen viel und andere wenig Resonanz bekommen.
Das Gesetz der zwei Füße muss wirklich gelten. Wenn Wechsel zwischen Sessions zwar angekündigt, aber sozial als unhöflich behandelt werden, wird aus Open Space schnell eine normale Gruppenarbeit. Die Bewegungsfreiheit muss ausdrücklich legitimiert und praktisch möglich sein.
Dokumentation vorher organisieren. Ohne ein einfaches, für alle identisches Dokumentationsformat verschwinden wichtige Ergebnisse in einzelnen Gruppen. Die Ergebnissicherung sollte schlank sein und nicht die Session selbst mit Formulararbeit überladen.
Die Anschlussfrage muss vorab geklärt sein. Open Space erzeugt häufig viele relevante Themen und Ideen. Wenn niemand weiß, wer anschließend Entscheidungen treffen darf, welche Ergebnisse weitergeführt werden oder wie Prioritäten entstehen, kann die Offenheit am Ende in Frustration kippen.

Praxisbaukasten: Open-Space-Anliegen schärfen

Praxisbaukasten: Open-Space-Anliegen schärfen

Diese Formulierungen helfen dir, einen offenen Rahmen zu setzen, ohne die Agenda selbst vorzugeben.

Rahmenthema öffnen: „Welche Frage zu unserem gemeinsamen Thema ist so wichtig, dass Sie heute mit anderen daran arbeiten möchten?“
Anliegen statt Vortrag: „Bringen Sie kein fertiges Referat mit. Formulieren Sie eine Frage, ein Problem, eine Idee oder einen Klärungsbedarf, für den Sie Mitdenkende suchen.“
Verantwortung klären: „Wenn Sie ein Anliegen einbringen, sorgen Sie dafür, dass die Session starten kann und das wichtigste Ergebnis anschließend für alle sichtbar ist.“
Sessionstart erleichtern: „Beginnen Sie mit einem Satz: Darum geht es mir – und dazu möchte ich heute mit Ihnen weiterkommen.“
Bewegungsfreiheit legitimieren: „Wenn Sie merken, dass Sie in einer anderen Session mehr beitragen oder lernen können, wechseln Sie. Das ist Teil des Formats.“
Ergebnis sichern: „Halten Sie am Ende fest: Was war die zentrale Erkenntnis? Was ist noch offen? Welcher nächste Schritt ergibt sich daraus?“
Aktionsorientierung herstellen: „Welche Idee braucht nach heute eine Person, die Verantwortung übernimmt? Wer möchte daran weiterarbeiten?“

Weiterführende Materialien

Wann lieber eine andere Methode?

Open Space ist stark, wenn eine größere Gruppe innerhalb eines gemeinsamen Rahmens eigene Anliegen einbringen und selbstorganisiert bearbeiten soll. Wenn Themen, Gesprächswege oder Ergebnisse stärker vorgegeben werden müssen, sind andere Formate oft passender.

Für vorbereitete Sessions: Barcamp.

Wenn das Format bereits stärker durch eine bekannte Community-, Session- oder Konferenzlogik geprägt ist und häufig Wissensteilung oder Peer-Learning im Mittelpunkt steht, passt ein Barcamp oft besser.

Für Gespräche zu vorgegebenen Fragen: World Café.

Wenn alle Teilnehmenden dieselben Leitfragen aus wechselnden Perspektiven bearbeiten sollen, bietet das World Café deutlich mehr gemeinsame Struktur.

Für systematische Beteiligung an Zukunftsbildern: Zukunftskonferenz.

Wenn unterschiedliche Interessengruppen entlang eines geplanten mehrstufigen Prozesses zu gemeinsamen Zukunftsentwürfen arbeiten sollen, ist eine Zukunftskonferenz stärker strukturiert.

Für große strategische Veränderungsprozesse: Real Time Strategic Change.

Wenn eine Organisation gezielt an einer bereits definierten strategischen Richtung arbeiten und Entscheidungen beschleunigen soll, braucht es meist stärkere Prozessarchitektur.

Für Präsentation vieler Angebote: Marktplatzmethode.

Wenn mehrere Projekte, Themen oder Ergebnisse lediglich sichtbar gemacht und besucht werden sollen, reicht ein Marktplatz ohne selbstorganisierte Sessionstruktur.

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Einsatzideen nach Zielgruppe und Situation

Open Space eignet sich besonders für Situationen, in denen eine gemeinsame Leitfrage existiert, die relevanten Unterthemen aber nicht sinnvoll vorab festgelegt werden können.

  1. Unternehmen – Veränderungsthemen aus der Organisation aufnehmen.

    Mitarbeitende bringen konkrete Fragen, Hindernisse und Ideen zu einem Veränderungsvorhaben ein und organisieren dazu eigene Sessions.

  2. Führungskräfteentwicklung – aktuelle Führungsfragen bearbeiten.

    Die Teilnehmenden setzen die Themen selbst: Schwierige Gespräche, hybride Führung, Verantwortungsübergabe oder Zusammenarbeit zwischen Bereichen entstehen aus dem tatsächlichen Bedarf der Gruppe.

  3. Hochschule – fachliche Vertiefung selbst organisieren.

    Studierende bringen nach einer gemeinsamen Grundlagenphase Fragen oder Anwendungsprobleme ein und bilden dazu Vertiefungssessions.

  4. Schule – Projektthemen gemeinsam entwickeln.

    Bei einer Projektwoche können Schüler:innen innerhalb eines gemeinsamen Rahmens eigene Fragestellungen einbringen und Mitstreiter:innen für deren Bearbeitung finden.

  5. Erwachsenenbildung – Erfahrungsaustausch mit echtem Bedarf.

    In einer längeren Weiterbildung werden Themen nicht vollständig vorgeplant, sondern von den Teilnehmenden aus ihrer beruflichen Praxis auf den Marktplatz gebracht.

  6. Netzwerktreffen – Anliegen statt Vortragsprogramm.

    Mitglieder eines Netzwerks entscheiden selbst, welche aktuellen Fragen, Kooperationen oder Herausforderungen sie mit anderen bearbeiten möchten.

  7. Organisationsentwicklung – bereichsübergreifende Probleme sichtbar machen.

    Mitarbeitende unterschiedlicher Bereiche bringen Themen ein, die im normalen Linienalltag oft zwischen Zuständigkeiten verschwinden, und bearbeiten sie gemeinsam.

  8. Großveranstaltung – von Impulsen in selbstorganisierte Vertiefung wechseln.

    Nach einem gemeinsamen Auftakt kann Open Space genutzt werden, um die Fragen weiterzuverfolgen, die bei den Teilnehmenden tatsächlich Resonanz erzeugt haben.

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FAQ

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Open Space und Barcamp?
Beide Formate arbeiten mit selbstorganisierten Sessions und werden heute teilweise ähnlich umgesetzt. Open Space ist jedoch als spezifische Großgruppenmethode mit eigenem Prinzipienset, Anliegen-Marktplatz und starkem Fokus auf Selbstorganisation entstanden; Barcamps kommen aus der Unconference-Tradition und sind häufig stärker auf Wissensaustausch und Community-Sessions ausgerichtet.
Was unterscheidet Open Space vom World Café?
Beim World Café stehen normalerweise vorab formulierte Fragen und wechselnde Tischgespräche im Mittelpunkt. Im Open Space entstehen sowohl die konkreten Themen als auch die Arbeitsgruppen erst aus den Anliegen der Teilnehmenden.
Ist der Marktplatz schon ein Open Space?
Nein. Der Marktplatz ist nur eine zentrale Phase, in der Anliegen sichtbar gemacht und Sessions geplant werden. Erst die Kombination aus selbst eingebrachten Themen, freier Sessionwahl, selbstorganisierter Arbeit und entsprechender Prozesslogik macht daraus Open Space.
Muss jede Person eine Session anbieten?
Nein. Anliegen werden nur von Personen eingebracht, die tatsächlich ein Thema bearbeiten möchten. Andere können sich ausschließlich an Sessions beteiligen, wechseln oder zwischen Gruppen Verbindungen herstellen.
Kann Open Space online durchgeführt werden?
Ja. Dafür braucht es vor allem einen transparenten digitalen Marktplatz, leicht zugängliche Breakout-Räume und eine gemeinsame Ergebnissicherung. Technische Hürden dürfen die freie Bewegung zwischen Sessions nicht faktisch verhindern.

Fazit

Open Space ist nicht einfach eine Konferenz ohne Programm. Das Format verlagert eine zentrale Steuerungsentscheidung bewusst an die Teilnehmenden: Sie bestimmen selbst, welche Anliegen auf die Agenda kommen, wo sie mitarbeiten und welche Themen tatsächlich Resonanz erzeugen.

Damit das funktioniert, braucht es einen klaren Rahmen und gleichzeitig echte Offenheit. Wer die Agenda im Hintergrund trotzdem kontrollieren möchte, nimmt dem Format seinen Kern. Wer Selbstorganisation tatsächlich zulässt und anschließend mit den Ergebnissen weiterarbeitet, kann dagegen eine große Gruppe erstaunlich schnell zu relevanter gemeinsamer Arbeit bringen.

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