Pendleton-Regeln – Feedback in fester Reihenfolge
Ein Rollenspiel ist vorbei, und bevor die Person durchatmen kann, sagt jemand: „Also, mir ist aufgefallen …“ – die Abwehr steht, bevor das Gespräch beginnt. Die Pendleton-Regeln legen fest, wer wann spricht: erst die Person selbst, dann die Gruppe, erst Gelungenes, dann Veränderbares. Diese Ordnung gibt Sicherheit und kann zum Ritual erstarren, in dem alle nur noch auf das Aber warten.
Erst die Person selbst, dann die Gruppe; erst Gelungenes, dann Veränderbares: Feedback mit Geländer.
Erst die eigene Stimme, dann die der anderen
In Ausbildungen mit Rollenspielen, Simulationen und Lehrproben ist Feedback ein Dauerthema. Wer gerade vor der Gruppe gestanden hat, ist verletzlich, und die ersten Sätze danach entscheiden, ob die Person zuhört oder sich schützt. Ohne Absprache spricht meist zuerst, wer am meisten auszusetzen hat.
Die Pendleton-Regeln stammen aus der Ausbildung von Hausärzt:innen in Großbritannien und wurden 1984 von David Pendleton und seinem Team in „The Consultation“ beschrieben. Sie drehen die übliche Reihenfolge um: Die Person, die geübt hat, schätzt sich zuerst selbst ein, erst das Gelungene, dann das Veränderbare. Die Gruppe ergänzt jeweils danach. Oft hat die Person den kritischen Punkt dann schon selbst benannt, und niemand muss ihn ihr vorhalten.
Stark sind die Regeln in Gruppen, die Feedback noch nicht gewohnt sind, unter hohem Druck wie in Pflege- und Notfallsimulationen und überall, wo Lernende sehr unterschiedlich selbstkritisch sind. Für eingespielte Gruppen und erfahrene Profis wird die feste Reihenfolge schnell zu eng.
Auf einen Blick
Fünf Schritte, eine feste Reihenfolge
Klären (1–2 Min.): Die Gruppe stellt nur Verständnisfragen: „Was war Ihr Ziel in dieser Szene?“ oder „Kannten Sie die Patientin vorher?“ Bewertungen stoppst du freundlich: „Das kommt gleich, jetzt nur Fragen.“ Vor der ersten Szene sagst du einmal an: „Nach jeder Übung gehen wir in derselben Reihenfolge vor, und Sie sprechen immer zuerst.“
Gelungenes aus eigener Sicht (1–2 Min.): „Was ist Ihnen gelungen?“ Die Person nennt mindestens einen konkreten Moment. Fängt sie mit Schwächen an, holst du sie zurück: „Gleich. Zuerst das, was Sie genau so wiederholen würden.“
Gelungenes aus Sicht der Gruppe (2–3 Min.): Die Beobachtenden ergänzen Stärken, die noch nicht genannt wurden, jeweils mit Beleg: „Als Sie nachgefragt haben, hat der Patient zum ersten Mal genickt.“ Was die Person schon gesagt hat, wird nicht wiederholt.
Veränderbares aus eigener Sicht (1–2 Min.): „Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen, und wie?“ Das „wie“ ist wichtig, denn es verwandelt Selbstkritik in einen Plan. Bleibt die Antwort allgemein, etwa „Ich war zu nervös“, fragst du nach: „An welcher Stelle genau, und was würden Sie dort tun?“
Veränderbares aus Sicht der Gruppe und Abschluss (3–4 Min.): Die Gruppe ergänzt nur, was noch fehlt, als Vorschlag mit Begründung. Zum Schluss fasst die Person in einem Satz zusammen, was sie mitnimmt und als Nächstes ausprobiert.
Lockerer, kürzer, genauer
Kurz-Pendleton: Nur die Selbsteinschätzung zu Gelungenem und Veränderbarem, je eine Minute, ohne Gruppenrunde. Für Übungsreihen mit vielen kurzen Durchgängen, etwa Gesprächseinstiege von drei Minuten. Die Gruppe schreibt ihre Beobachtungen auf Karten und gibt sie danach still ab.
ALOBA: Agenda-led Outcome-based Analysis aus dem Calgary-Cambridge-Modell der Gesprächsführung. Die Person sagt zuerst, wozu sie Rückmeldung möchte, und die Runde richtet sich danach. Entstanden als Antwort auf die Starrheit der Pendleton-Regeln, passt diese Form besser zu Fortgeschrittenen.
Mit Beobachtungsaufträgen: Vor der Übung bekommt jede beobachtende Person einen Fokus, zum Beispiel Einstieg, Fragetechnik, Körpersprache oder Abschluss. In den Gruppenschritten spricht jede nur zu ihrem Fokus. Das verkürzt die Runde und macht die Belege genauer.
Mit Feedforward im letzten Schritt: Die Gruppe formuliert Veränderbares nur als Vorschlag: „Beim nächsten Mal könnten Sie …“. Das nimmt dem Schluss das Gewicht einer Mängelliste.
Videogestützt: Die Szene wird aufgezeichnet, und vor jeder Selbsteinschätzung sieht die Person einen ausgewählten Ausschnitt von 30 Sekunden. Das macht die eigene Einschätzung genauer, braucht aber Einwilligung und eine klare Löschregel.
Ablaufkarte, Beobachtungsfokus, Zeitplan
Diese Bausteine machen aus den Regeln eine Runde, die in zwölf Minuten pro Person durchläuft und trotzdem genau bleibt.
Ablaufkarte für den Tisch: 1. Fragen zum Verständnis. 2. Was ist Ihnen gelungen? 3. Was hat die Gruppe gesehen, das noch fehlt? 4. Was würden Sie anders machen, und wie? 5. Was schlägt die Gruppe zusätzlich vor? 6. Ihr Satz zum Mitnehmen.
Beobachtungsfokus verteilen: Bei vier Beobachtenden: Einstieg und Beziehung, Fragen und Zuhören, Sprache und Körpersprache, Abschluss und Absprachen. Jede Person notiert zu ihrem Fokus einen gelungenen Moment und einen Vorschlag. Sind es mehr als vier, teilen sich zwei Personen einen Fokus und einigen sich vorher auf eine gemeinsame Aussage.
Belegpflicht: Nach einer Rückmeldung ohne Beispiel fragst du: „Woran haben Sie das gesehen?“ Ohne Beleg gilt eine Rückmeldung als Eindruck und wird auch so benannt.
Sätze bei Selbstabwertung: „Ich höre, was Sie stört. Das kommt gleich. Zuerst: Was war in Ordnung?“ – „Was würde Ihre beste Kollegin über diese Szene sagen?“
Zeitplan für zwölf Minuten: Klären 1, Gelungenes selbst 1, Gelungenes Gruppe 2, Veränderbares selbst 2, Veränderbares Gruppe 4, Abschluss 1, Puffer 1. Ein Timer, für alle sichtbar, nimmt dir das Unterbrechen ab.
Abschlusssatz zum Aufschreiben: „Ich nehme mit, dass … Beim nächsten Mal probiere ich …“ Die Person notiert ihn, bevor die nächste Szene beginnt, und liest ihn vor dem eigenen nächsten Durchgang noch einmal.
Wann das Geländer zum Korsett wird
Die Stärkenrunde als Vorspiel: Weil das Gelungene immer zuerst kommt, wartet die Person innerlich auf das „Aber“ und hört die Stärken kaum. Halte dagegen mit zwei Entscheidungen: Stärken nur mit Beleg, also mit einem Zitat oder einem Moment, und kein Überleitungswort wie „aber“ oder „trotzdem“ zwischen den Schritten.
Die Uhr fehlt: Ohne Zeitvorgabe frisst die Stärkenrunde die halbe Zeit, und für das Veränderbare bleiben zwei hastige Minuten – meist genau für das, was die Person eigentlich wissen wollte. Die Faustregel: Gelungenes zusammen höchstens so lang wie Veränderbares.
Selbstabwertung im zweiten Schritt: Manche Lernende können nichts Gelungenes nennen oder relativieren sofort: „Das war ja nur Glück.“ Bestehe ruhig auf einem Moment: „Nennen Sie eine Sekunde, die Sie genau so wiederholen würden.“ Hilft das nicht, liefert die Gruppe den ersten Beleg, und die Person darf zustimmen.
Die Gruppe wiederholt nur: Hat die Person ihre Schwächen schon selbst benannt, zählt die Gruppe sie oft trotzdem noch einmal auf. Das macht aus Einsicht Beschämung. Die Regel lautet deshalb: „Nur Neues, nichts Doppeltes.“ Bestätigen darf die Gruppe trotzdem, in einem einzigen Satz: „Das haben wir auch so gesehen.“
Sicherheit wartet nicht: In Simulationen mit Medikation, Hygiene oder Notfallabläufen benennst du sicherheitsrelevante Fehler immer selbst und klar, egal was die Person oder die Gruppe gesagt hat. Gut ist ein fester Satz am Ende: „Eine Sache ist nicht verhandelbar: …“
Das Ritual für Erfahrene: Für Profis fühlt sich die feste Reihenfolge schnell schulmäßig an, und die Antworten werden formelhaft. Werden die Stärken nur noch abgespult, wechsle zu ALOBA: Dann bestimmt die Person, wozu sie Rückmeldung will. Ein Zwischenweg: Die Reihenfolge bleibt, aber die Person nennt vorher die eine Frage, die sie beantwortet haben möchte.
Selbsteinschätzung zuerst
Plausibel ist folgender Mechanismus: Wer sich zuerst selbst einschätzt, prüft das eigene Handeln aktiv, bevor fremde Urteile kommen. Kritik trifft dann auf ein bereits begonnenes Nachdenken statt auf ein unvorbereitetes Selbstbild. Hattie und Timperley beschreiben Rückmeldung, die Selbstbeobachtung und Selbststeuerung anregt, als besonders lernwirksam, Lob und Tadel an die Person dagegen als wenig hilfreich. Für die Pendleton-Reihenfolge selbst gibt es keinen Wirksamkeitsnachweis. Chowdhury und Kalu beschreiben sie als verbreitetes Modell der medizinischen Ausbildung und benennen ihre Grenzen.
Wann lieber eine andere Methode?
Die Pendleton-Regeln sind ein Geländer für unsichere Situationen. Für andere Gruppen und Ziele passen diese Methoden besser.
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Einsatzideen nach Zielgruppe und Situation
Überall, wo jemand vor anderen geübt hat und danach Rückmeldung bekommt, gibt die feste Reihenfolge Halt – von der Kita-Ausbildung bis zum Seniorensport.
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Kita:
In der Praxisanleitung schätzt die Auszubildende nach einem angeleiteten Morgenkreis zuerst selbst ein, was gelungen ist. Die Anleitung ergänzt mit konkreten Momenten und schließt mit einem Vorschlag für den nächsten Kreis.
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Grundschule:
Nach einem Kurzvortrag fragt die Lehrkraft zuerst das Kind: „Was ist dir gut gelungen?“ Dann sagen zwei Kinder, was ihnen gefallen hat. Danach: „Was machst du beim nächsten Mal anders?“ Ein Wunsch aus der Klasse schließt ab.
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Lehramt:
Nach einer Lehrprobe beginnt die angehende Lehrkraft mit der eigenen Einschätzung, bevor Fachleitung und Mentorin sprechen. So zeigt sich früh, ob sie die entscheidende Stelle des Unterrichts selbst sieht.
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DaF und DaZ:
Vor mündlichen Prüfungen spielen Lernende die Prüfungssituation durch und schätzen zuerst selbst ein, was sprachlich gelungen ist. Dabei lernen sie die Bewertungskriterien von innen kennen.
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Hochschule:
In Kommunikationstrainings im Medizinstudium mit Simulationspersonen gehören die Regeln zum Standard. Die Simulationsperson gibt ihre Rückmeldung in den Gruppenschritten aus der Sicht der Patientin oder des Patienten.
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Pflege:
Im Skills Lab folgt auf jede Simulation eine Runde mit festem Zeitplan. Sicherheitsrelevante Punkte nennt die Praxisanleitung zusätzlich am Ende, unabhängig davon, ob sie in der Runde schon gefallen sind.
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Unternehmen:
In Verkaufs- oder Führungstrainings mit Rollenspielen schützt die feste Reihenfolge davor, dass jede Übung als Prüfung empfunden wird. Nach zwei Trainingstagen kannst du sie lockern und zu ALOBA wechseln.
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Seniorenarbeit:
In der Ausbildung von Übungsleitungen im Seniorensport leiten die Angehenden eine Übung an. Die Gruppe der Älteren gibt nach Pendleton Rückmeldung und erlebt dabei selbst, wie wertschätzende Kritik klingt.
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Häufige Fragen zu den Pendleton-Regeln
Ist das nicht dasselbe wie das Feedback-Sandwich?
Wie viele Regeln sind es eigentlich?
Für wen passen die Regeln besonders?
Kann ich Pendleton im Einzelgespräch nutzen?
Was tun, wenn die Person alle Schwächen schon selbst genannt hat?
Funktionieren die Regeln online?
Fazit
Die Pendleton-Regeln geben Feedback eine Ordnung, in der die Person zuerst spricht und das Gelungene nicht untergeht. Ihre Stärke ist die Sicherheit, ihre Schwäche die Erwartung des Aber.
Welche Seite überwiegt, entscheidet die Leitung: mit einer Uhr für die Stärkenrunde, mit Belegpflicht statt Pflichtlob, mit der Regel „nur Neues“ und mit einem klaren Satz zu allem, was die Sicherheit betrifft. So eingesetzt sind die Regeln ein Geländer für den Anfang. Wenn die Gruppe sicher geworden ist, darf es weg.