Schreibanlässe im Sprachkurs – Vierzehn Mails an denselben Vermieter
„Schreiben Sie eine E-Mail an Ihren Vermieter.“ Zwanzig Minuten später liegen vierzehn Texte auf dem Tisch, und alle klingen wie das Muster im Lehrbuch. Die Gruppe kann sprechen, aber beim Schreiben greift sie zur Vorlage. Eigene Texte entstehen, wenn jede Person andere Wörter hat, wenn ein Satz von allen kommt und wenn ein Gegenstand erzählt.
Die Gruppe spricht gut. Beim Schreiben kommt ein Satz, und der ist abgeschrieben. Drei Wege raus.
Die Vorlage schreibt mit
Integrationskurs, B1, drei Wochen vor der Prüfung. Im Lehrbuch steht: „Ihre Heizung ist kaputt. Schreiben Sie eine E-Mail an Ihren Vermieter.“ Darüber steht eine Mustermail. Nach zwanzig Minuten sammelst du ein. Vierzehnmal „Sehr geehrter Herr Müller“, vierzehnmal „seit drei Tagen“, vierzehnmal „Ich bitte Sie, so schnell wie möglich …“. Eine Teilnehmerin, die in der Pause zehn Minuten lang lebhaft von ihrem Ärger mit dem Hausmeister erzählt hat, hat genau einen Satz geschrieben. Er steht wortgleich im Buch.
Zwei Dinge passieren da. Erstens ist die Vorlage sicherer als der eigene Satz. Wer spricht, kann sich verbessern, bevor jemand es merkt. Wer schreibt, hinterlässt jeden Fehler schwarz auf weiß, und zurück kommt das Blatt oft voller Rot. Zweitens gibt die Aufgabe nichts Eigenes her. Alle haben dieselbe Heizung, denselben Vermieter und dasselbe Muster. Dann ist Abschreiben keine Faulheit, sondern die vernünftigste Lösung.
Diese Seite verändert den Schreibanlass. Jede Person bekommt andere Wörter, die Gruppe baut zuerst etwas Gemeinsames, oder ein Gegenstand erzählt statt der Person. Diktate sind hier nicht gemeint, dafür gibt es die Kreativen Diktatformen. Weitere Schreibformen für alle Zielgruppen findest du unter Schreibmethoden für Unterricht und Training. Hier geht es um Erwachsene, die eine neue Sprache lernen, von A1 bis B2.
Auf einen Blick
Drei Wege zu Texten, die niemand abschreiben kann
Wörterdusche: Jede Person hat andere Wörter. Vor dem Kurs schreibst du 30 Wörter aus den letzten zwei Wochen auf Karten und legst sie in eine Box. Dazu kommt eine zweite Box mit zehn Querschlägern, Wörtern, die nirgends hinpassen: Giraffe, Zahnbürste, Hochzeit, Regenschirm. Zuerst kommt die Dusche: Du sagst zwölf Wörter aus der Box mit kurzer Pause, dann noch einmal, insgesamt etwa eine Minute. Alle notieren, was sie fangen, auch halb richtig. Jede Person fängt andere Wörter. Wer weniger als drei hat, darf in die Box schauen. Dann wählt jede Person drei ihrer gefangenen Wörter und zieht einen Querschläger. Mit diesen vier Wörtern schreibt sie einen kurzen Text, im Phasen-Timer laufen sechs Minuten. A2: Vier Sätze. B1: Ein Satz mit „weil“ oder „dass“ muss dabei sein. B2: Der Querschläger ist der Wendepunkt der Geschichte. Danach tauschen Sitznachbar:innen die Texte. Die Partnerin unterstreicht die vier Wörter und rät, welches der Querschläger war. Zwei, drei Personen lesen vor, wer möchte, meldet sich. Melden sich mehr, entscheidet die Zufallsauswahl. Der Text kommt ins Heft. Wie Mitschreiben beim Hören gezielt geübt wird, steht unter Mitschreiben beim Hören üben. Deine Ansage: „Sie haben vier Wörter. Eins passt nicht. Genau das muss trotzdem in Ihren Text.“ Passt nach jeder Wortschatzeinheit und als Wochenstart. Auf A1 ziehen alle drei Bildkarten mit Wort statt der Dusche, an der Tafel stehen drei Satzmuster: „Das ist …“, „Ich habe …“, „… ist schön.“ Kippt, wenn du die Wörter vorher zu einem Thema bündelst. Dann schreiben wieder alle denselben Text, nur mit anderen Nomen.
Gemeinsamer Kern: Erst ein Satz von allen, dann vierzehn eigene Texte. Das ist der Weg für die Lehrbuchaufgabe. Bevor jemand die Mail an den Vermieter schreibt, steht eine Frage an der Tafel: „Was ist in einem Haus das größte Problem?“ Jede Person schreibt in zwei Minuten genau einen Satz auf einen Papierstreifen. Gemeint ist ein Haus, das sie kennt, eines aus einer Serie oder das aus dem Lehrbuch. Das muss niemand sagen. Die Streifen kommen an die Wand. Alle gehen herum und kleben einen orangefarbenen Punkt auf jedes Nomen, das auf mehreren Streifen vorkommt. Meist sind das „laut“, „Müll“, „Heizung“ und „Treppe“. Das ist der gemeinsame Kern. Aus ihm baust du mit der Gruppe am Flipchart das Gerüst einer Mail, und zwar nur die Teile: Anrede, Problem, seit wann, Bitte, Gruß. Ganze Sätze schreibst du nicht an. Dann holt sich jede Person einen Streifen, der nicht ihr eigener ist, und schreibt die Mail zu diesem Problem. Dazu kommt ein Detail, das nur sie erfindet: Was hat sie schon versucht? Im Phasen-Timer laufen zehn Minuten. Danach tauschen Paare die Mails und prüfen mit einer einzigen Frage aus der Textlupe: „Weiß der Vermieter nach dem Lesen, was er tun soll?“ Wer Ja sagt, setzt einen Haken, wer Nein sagt, schreibt eine Frage an den Rand. Deine Ansage: „Ein Satz. Nur einer. Aber Ihrer.“ Passt vor jeder Schreibaufgabe im Lehrbuch und zur Prüfungsvorbereitung ab A2. Kippt, wenn das Gerüst am Flipchart zur Mustermail wird. Dann schreiben wieder alle ab, diesmal von dir. Darum bleiben am Flipchart nur Stichwörter stehen.
Stimmen aus dem Koffer: Der Gegenstand erzählt, nicht du. Du bringst einen kleinen Koffer mit neun Alltagsgegenständen mit. Wenn ein Koffer in deiner Gruppe nach Flucht klingt, nimm eine Einkaufstasche. Darin liegen: Schlüsselbund, Lesebrille, Kochlöffel, Busfahrkarte, Teebeutel, Fahrradklingel, Wollmütze, Kassenbon, eine Postkarte ohne Text. Der Gruppeneinteiler bildet Paare, bei ungerader Zahl gibt es eine Dreiergruppe. Jedes Paar greift ohne hinzusehen einen Gegenstand. Erst erfindet das Paar die Person, der er gehört: Vorname, Alter, Beruf, wohnt hier in der Stadt. Dann spricht der Gegenstand in der Ich-Form. Vier Satzanfänge stehen an der Tafel: „Ich bin …“, „Ich gehöre …“, „Heute war ich …“, „Niemand weiß, dass …“. A1 nutzt nur „Ich bin …“ und „Ich gehöre …“, zum Beispiel: „Ich bin ein Schlüssel. Ich bin klein. Ich gehöre Ana.“ B1: „Heute war ich den ganzen Tag in Anas Jackentasche, weil sie mich vergessen hat.“ B2: Der Gegenstand verrät ein Geheimnis seiner Besitzerin. Im Phasen-Timer laufen acht Minuten. Danach liegt der Gegenstand verdeckt unter einem Tuch, das Paar liest vor, die anderen raten, wer hier spricht. Will ein Paar nicht vorlesen, bleibt der Text beim Paar. In den Koffer kommen nur Texte, deren Paar zustimmt. In der nächsten Stunde zieht jemand einen Text und liest ihn noch einmal vor, das ist die Wiederholung. Deine Ansage: „Der Schlüssel weiß alles über seine Besitzerin. Lassen Sie ihn erzählen.“ Passt ab A1, nach Kapiteln zu Wohnen, Alltag und Einkaufen. Kippt, wenn daraus „Erzählen Sie von einem Gegenstand aus Ihrer Heimat“ wird. Dann kommen Heimweh, Flucht und „Bei uns in … ist das so“ auf den Tisch, und aus Menschen werden Länder. Die Person im Text ist erfunden und wohnt hier.
Zwei Kurse, zwei Entscheidungen
Situation: Integrationskurs B1, drei Wochen vor der Prüfung. Im Modelltest steht: „Sie haben eine Wohnung gefunden, aber der Vermieter antwortet nicht. Schreiben Sie ihm.“ Beim letzten Mal kamen vierzehn fast gleiche Mails zurück. Du entscheidest dich für den gemeinsamen Kern. Auf die Streifen schreiben alle einen Satz zu „Was nervt bei der Wohnungssuche?“. Die orangefarbenen Punkte sammeln sich bei „keine Antwort“, „zu teuer“ und „Besichtigung“. Am Flipchart stehen nur die fünf Teile der Mail. Gibt der Modelltest Leitpunkte vor, sind das die Teile des Gerüsts. Deine Ansage: „Sie schreiben über den Streifen von jemand anderem. Und Sie erfinden, was Sie schon versucht haben.“ Ein Teilnehmer schreibt, er habe dreimal angerufen und einmal vor der Tür gewartet. Die Mails sind diesmal unterschiedlich lang, unterschiedlich höflich und alle verständlich.
Situation: Volkshochschule, Italienisch A2, zwölf Erwachsene zwischen 40 und 70, Dienstagabend. Die Gruppe redet gern und viel, aber die Hausaufgabe „Schreiben Sie über Ihr Wochenende“ bringt jede Woche dieselben drei Sätze. Du entscheidest dich für die Stimmen aus dem Koffer. Ein Paar zieht die Lesebrille und erfindet Signora Bruni, 74, die ihre Brille ständig auf der Stirn sucht. Deine Ansage: „Die Brille spricht. Auf Italienisch, in der Ich-Form. Sie sieht alles, nur ihre Besitzerin sieht nichts.“ Die Gruppe lacht beim Vorlesen und rät nach dem zweiten Satz richtig. In der Woche darauf schreiben drei Personen freiwillig die nächste Folge.
Was das Schreiben im Sprachkurs verdirbt
Der Rotstift. Wer ein Blatt voller Korrekturen zurückbekommt, schreibt beim nächsten Mal ab. Sag vor dem Schreiben einen einzigen Fokus an, zum Beispiel „Verb auf Position zwei“ oder „Artikel nach ‚mit‘“. Die Person prüft ihren Text zuerst selbst auf diesen Fokus. Danach markierst du nur Fehler in diesem Fokus, mit Orange statt Rot, und setzt einen Haken an einen Satz, der funktioniert. Die Person schreibt einen markierten Satz neu, mehr nicht. Andere Fehler notierst du für dich, sie werden der Fokus der nächsten Woche. Wer alles korrigiert haben möchte, bekommt das auf Wunsch, als Liste, nicht im Text.
Das Blatt gehört der Person, die schreibt. Vorgelesen wird nur auf Wunsch, eingesammelt wird nur für die Fokus-Korrektur, und es gibt immer eine Ausweichfrage. Fragen wie „Wie war Ihr erster Tag in Deutschland?“ oder „Erzählen Sie von Ihrer Familie“ öffnen bei manchen Türen, die im Kurs besser zu bleiben. Darum arbeiten alle drei Wege mit Wörtern, Häusern und Gegenständen, nicht mit der eigenen Biografie.
Abschreiben ist auf A1 kein Problem, sondern ein Schritt. Schwierig wird es erst, wenn nichts Eigenes dazukommt. Ein selbst gewähltes Wort, ein erfundener Name oder ein eigenes Detail reichen am Anfang. Notizen in der Herkunftssprache sind erlaubt, der Text am Ende steht auf Deutsch. Im Alpha-Kurs schreiben die Teilnehmenden einzelne Wörter zu Bildkarten oder ergänzen ein Satzmuster, und die Gruppe spricht den Satz vorher gemeinsam laut.
Im Sprachkurs zählt oft die Form. Die eigene Stimme hat wenig Platz.
Clara Palm von der Universität Göteborg hat 24 Lehrer:innen für Schwedisch als Zweitsprache in der schwedischen Erwachsenenbildung schriftlich befragt und fünf von ihnen ausführlich interviewt. Das Ergebnis: Ihr Schreibunterricht dreht sich vor allem um Sprachform, also Korrektheit und Wortschatz, und um Textsorten. Er ist eng darauf ausgerichtet, was später nützlich ist. Einige Lehrer:innen schätzen kreatives Schreiben, aber knappe Zeit, sehr unterschiedliche Gruppen und Absprachen an der Schule bremsen sie. Den Lernenden eine eigene Stimme zu geben, kam nur in Ansätzen vor. Die Studie ist klein und qualitativ, sie beschreibt Sichtweisen, keine Wirkungen. Irini Mavrou und Javier Chao haben Texte von 292 erwachsenen Zugewanderten aus 39 Herkunftsländern ausgewertet, alle Anfänger:innen in Spanisch als Zweitsprache in Spanien. Je näher die Erstsprache am Spanischen lag, desto korrekter und flüssiger schrieben sie. Auch das Bildungsniveau spielte für Korrektheit und Flüssigkeit eine Rolle. Die meisten Fehler betrafen Formen, Satzbau und Rechtschreibung, Wortschatzfehler waren selten. Für die Praxis heißt das: Die Zahl der Fehler hängt auch an Erstsprache und Bildungsweg. Ein Fokus pro Text ist fairer als ein rotes Blatt. Ob die drei Wege dieser Seite bessere Texte bringen, haben beide Studien nicht geprüft. Sie sind ein Versuch, der eigenen Stimme in einem formbetonten Unterricht Platz zu machen.
Vier Regeln gegen den abgeschriebenen Satz
Mit diesen vier Regeln wird aus der Schreibaufgabe ein Schreibanlass. Die vierte entscheidet, ob die Gruppe beim nächsten Mal wieder schreibt.
20 Minuten. Eine Frage. Viele neue Ideen.
Jeden Dienstag um 17:00 Uhr treffen wir uns live für einen kurzen Didaktik-Impuls mit echtem Praxisbezug. Du bringst deine Fragen aus Unterricht, Seminar oder Training mit und bekommst neue Perspektiven, konkrete Ideen und das Schwarmwissen der Gruppe. Kompakt, kollegial und so nah an deinem Alltag, dass du den nächsten Impuls direkt ausprobieren kannst.
Vier Bausteine und vier Situationen für Schreibanlässe im Sprachkurs
Jeder Baustein gibt etwas vor, das nicht im Lehrbuch steht: Eigene Wörter, einen gemeinsamen Satz, einen Gegenstand oder den eigenen Namen.
Mein Name, meine Geschichte: Fünf Sätze zum Namen: Wer hat ihn ausgesucht, was bedeutet er, wie spricht man ihn richtig aus, wie nennen mich Freunde? Wer über den eigenen Namen nicht schreiben will, nimmt einen Lieblingsnamen oder erfindet sich einen Kursnamen. Im Kurs heißt jede Person weiter so, wie sie es möchte, richtig ausgesprochen. Stimmen aus dem Koffer: Ein Alltagsgegenstand erzählt in der Ich-Form von einer erfundenen Person, die hier wohnt. Die anderen raten, wer spricht. Wörterdusche: Zwölf Wörter prasseln in einer Minute auf die Gruppe. Jede Person schreibt mit drei gefangenen Wörtern und einem Querschläger einen eigenen Text. Gemeinsamer Kern: Alle schreiben einen Satz zur selben Frage, orangefarbene Punkte markieren, was mehrfach vorkommt. Daraus entsteht das Gerüst, nicht der Mustertext.
Integrationskurs A1 und Alpha: Bildkarten mit Wort statt Wörterdusche, drei Satzmuster an der Tafel. Der Satz wird vorher im Chor gesprochen, dann geschrieben. Prüfungsvorbereitung B1: Gemeinsamer Kern vor jeder Modelltest-Mail. Jede Person schreibt über den Streifen eines anderen und erfindet ein eigenes Detail. Berufssprachkurs B2: Der Gegenstand kommt aus dem Beruf, etwa Dienstplan, Pflasterrolle oder Werkzeugkoffer. Er erzählt von einer Schicht, die anders lief als geplant. Online-Kurs: Die Wörterdusche kommt über das Mikrofon, geschrieben wird auf Papier neben der Tastatur. Ein Satz aus dem Text kommt in den Chat, alle schicken auf dein Zeichen gleichzeitig ab.
Häufige Fragen zu Schreibanlässen im Sprachkurs
Was ist der Unterschied zu den Kreativen Diktatformen?
Was mache ich auf A1 und im Alpha-Kurs?
Muss ich jeden Text korrigieren?
Was tue ich, wenn alle mit dem Handy übersetzen?
Was, wenn jemand nicht über den eigenen Namen schreiben will?
Fazit
Wenn alle dieselbe Aufgabe mit demselben Muster bekommen, ist Abschreiben die vernünftigste Antwort. Eigene Texte entstehen, wenn jede Person andere Wörter hat, wenn die Gruppe zuerst einen gemeinsamen Kern findet und wenn ein Gegenstand statt der Person erzählt. Korrigiert wird ein Fokus, nicht das ganze Blatt. Und irgendwann fragt jemand: „Darf ich noch einen Satz schreiben?“