Malen und Visualisieren mit Jugendlichen – „Malen? Sind wir im Kindergarten?“
„Malen? Sind wir im Kindergarten?“ Die Stifte liegen da, die Arme bleiben verschränkt. Zehn Minuten später streiten dieselben Jugendlichen, wessen Meme besser ist, und zwar über den Fachinhalt. Der Trick ist nicht das Malen, sondern das Format: Eine Mission, ein Song, drei Minuten Schnipsel. Schön muss nichts werden.
„Sind wir im Kindergarten?“ Zehn Minuten später streiten sie über Memes. Drei Wege ins Malen.
Erst Kindergarten. Dann Meme-Streit.
Achte Klasse, Biologie, Freitag, sechste Stunde. Du legst Stifte und Karten auf die Tische und sagst: „Wir malen heute.“ Aus der letzten Reihe kommt sofort: „Malen? Sind wir im Kindergarten?“ Gelächter, verschränkte Arme. Zehn Minuten später stehen vier Leute um einen Tisch und streiten, wessen Meme die Zellatmung besser erklärt. „Deins stimmt nicht, die Mitochondrien machen das, nicht der Zellkern.“
Das Wort „malen“ klingt für Jugendliche nach Wachsmalstiften und Bildern am Kühlschrank. Dazu kommt die Angst, sich mit einer schlechten Zeichnung vor der Klasse zu blamieren. Ein Meme dagegen kennen alle, und ein schlechtes Meme ist ein gutes Meme. Mit dem Format ändert sich die Frage: Nicht mehr „Kann ich das?“, sondern „Ist das lustig, und stimmt es?“.
Diese Seite zeigt drei schnelle Formate für 12- bis 18-Jährige, die mit Papier und Stiften auskommen: Eine Meme-Mission zum Fachthema, ein Sound-Sketch zu Musik und eine Flash-Collage aus Bildschnipseln. Kein Format dauert länger als eine halbe Stunde, und keines wird benotet.
Auf einen Blick
Drei Wege, wie Jugendliche zum Stift greifen
Meme-Mission: Zwei Minuten, ein Meme, ein Fachinhalt. Die Handys bleiben in der Tasche, das Meme entsteht auf Papier. Jede Person bekommt drei Karteikarten im Format A6. Darauf zeichnet sie selbst einen Rahmen: Oben ein Balken für die erste Zeile, in der Mitte ein Bildfeld, unten ein Balken für die Pointe. Das Thema steht an der Tafel, zum Beispiel „Zellatmung“, „Kaufvertrag“ oder „Satz des Pythagoras“. Bevor es losgeht, zeigst du dein eigenes Meme, schnell gemalt und ruhig schief, mit Strichmännchen. Dann läuft der Phasen-Timer: Drei Runden à zwei Minuten, pro Runde ein Meme. Danach bildet der Gruppeneinteiler Vierergruppen. Jede Person legt ihr bestes Meme in die Mitte, die Gruppe hat fünf Minuten und wählt eines nach zwei Fragen: Stimmt es fachlich? Versteht es jemand, der heute gefehlt hat? Gewählt wird das Meme, nicht die Person, und die Zeichnung zählt nicht. Jede Gruppe hängt ihr Meme an die Wand und erklärt in einem Satz, warum es fachlich stimmt. Wer will, hängt weitere Memes dazu. Was an die Wand geht, siehst du vorher kurz an. Was an der Wand hängt, kann in der nächsten Stunde als Gallery Walk wiederholt werden. Deine Ansage: „Ein schlechtes Meme ist ein gutes Meme. Strichmännchen reichen. Zwei Regeln: Niemand fotografiert, und keine Memes über Leute hier im Raum, auch nicht über mich. Gemacht werden sie nur über das Thema.“ Passt zur Sicherung nach einer Erklärphase und überall, wo ein Fachinhalt auf den Punkt gebracht werden soll. Kippt, wenn ein Meme auf eine Person in der Klasse zielt. Dann nimmst du die Karte ruhig an dich, ohne sie vorzulesen oder zu zeigen, und sagst: „Das Meme geht über das Thema, nicht über Leute. Neue Karte.“ Diskutiert wird darüber nicht vor der Klasse.
Sound-Sketch: Der Song malt mit. Du spielst drei kurze Musikausschnitte vor, je 45 Sekunden, am besten ohne Gesang und sehr verschieden: Etwas Ruhiges, etwas Schnelles, etwas Schräges. Jede Person faltet ein A4-Blatt in drei Felder und malt zu jedem Ausschnitt in ein Feld, was der Song auslöst. Erlaubt sind nur Linien, Farben und Formen, keine Gegenstände, keine Figuren. Damit ist „Ich kann nicht malen“ vom Tisch. Zwischen den Ausschnitten gibt es 15 Sekunden Pause, dann wechselt das Feld. Danach bildet der Gruppeneinteiler Paare. Eine Person zeigt ein Feld, die andere rät, zu welchem Song es gehört, und sagt, was sie sieht: „Ich sehe was Hektisches, weil …“. Die malende Person bestätigt oder sagt in einem Satz, was sie gemeint hat. Gedeutet wird nur mit ihr, nicht über sie. Dann wird getauscht. Am Ende hat jede Person drei Felder und einen Satz zu ihrem Lieblingsfeld auf der Rückseite. Zum Schluss spielst du den schnellsten Ausschnitt noch einmal, und wer will, hält sein Blatt hoch. Gehen die Gefühle selbst ins Bild, findest du das unter Gefühle zeichnen. Beim Sound-Sketch gibt die Musik den Anstoß, und niemand muss sagen, wie es ihm geht. Deine Ansage: „Ihr malt nicht, was ihr hört, sondern wie es sich anhört. Linien, Farben, Formen. Wer eine Figur malt, hat schon zu viel nachgedacht.“ Passt als Einstieg nach der Pause, vor einem Text über Atmosphäre oder Stimmung und in der Jugendarbeit als Ankommen. Kippt, wenn die Musikauswahl zur Geschmacksdebatte wird. Die Ausschnitte suchst du aus. Wünsche der Jugendlichen nimmst du gerne an, hörst sie aber vorher selbst an, und Texte, die andere herabsetzen, bleiben draußen.
Flash-Collage: Drei Minuten Schnipsel, ein Satz. Auf jedem Tisch liegt ein Stapel alte Zeitschriften, Prospekte und Kataloge, den du vorher durchgesehen hast. Die Frage steht an der Tafel, zum Beispiel „Wie sieht ein guter Montag aus?“, „Mein Beruf in fünf Jahren“ oder „Wie fühlt sich die Welt von Figur X an?“. Jede Person bekommt eine A5-Karte und einen Klebestift. Der Phasen-Timer läuft drei Minuten: Drei bis fünf Bilder ausreißen, nicht ausschneiden, und aufkleben. Ausreißen geht schneller, und schief ist erlaubt. Wenn der Timer klingelt, ist die Collage fertig, auch wenn das perfekte Bild noch fehlt. Dann schreibt jede Person auf die Rückseite einen Satz: „Für mich ist … wie …, weil …“. Danach erklären Paare sich gegenseitig ihre Karten, je eine Minute. Wer im Plenum etwas sagt, entscheidet die Zufallsauswahl, Passen ist erlaubt. Am Ende liegt eine Karte mit Bild und Satz auf jedem Tisch, sie bleibt bei der Person. Brauchst du eine große, durchdachte Collage über eine ganze Stunde, ist die Collage-Methode der richtige Weg. Die Flash-Collage ist ihre schnelle Schwester für den Einstieg. Auch Zeitschriftenbilder sind urheberrechtlich geschützt. Die Collage bleibt deshalb im Klassenraum. Deine Ansage: „Drei Minuten, drei bis fünf Bilder. Ihr sucht nicht das perfekte Bild, ihr nehmt das erste, das passt. Nicht schneiden, reißen.“ Passt in der Berufsorientierung, als Einstieg in ein abstraktes Thema wie Gerechtigkeit oder Freundschaft und in Deutsch zu Figuren. Kippt, wenn jemand nach zwei Minuten noch blättert und gar nichts klebt. Dann legst du drei Schnipsel hin: „Nimm eins davon. Der Satz ist wichtiger als das Bild.“
Zwei Gruppen, zwei Entscheidungen
Situation: Berufsschule, Einzelhandel, zweites Ausbildungsjahr, Thema Kaufvertrag und Gewährleistung. Nach 30 Minuten Paragrafen sind die Augen glasig, und bei der Ankündigung „Wir machen jetzt Memes“ kommt: „Ernsthaft?“ Du entscheidest dich für die Meme-Mission und zeigst dein Beispiel: Ein Strichmännchen mit kaputtem Toaster, oben „Wenn der Kunde nach drei Wochen kommt“, unten „Und du weißt, dass er recht hat“. Deine Ansage: „Zwei Minuten pro Meme. Es muss nicht schön sein, aber es muss rechtlich stimmen.“ In einer Gruppe entsteht ein Streit, ob ein Kassenbon Pflicht ist. Die Gruppe schlägt nach und hängt am Ende ein Meme an die Wand, das die Frage beantwortet.
Situation: Klasse 9, Berufsorientierung, kurz vor dem Praktikum. Auf die Frage „Was willst du mal machen?“ kommt meistens „Weiß nicht“. Du entscheidest dich für die Flash-Collage mit der Frage „Ein guter Arbeitstag in fünf Jahren“. Deine Ansage: „Ihr müsst keinen Beruf wissen. Reißt aus, was nach einem guten Tag aussieht.“ Ein Schüler klebt eine Werkbank, einen Hund und einen Sonnenuntergang auf. Sein Satz: „Für mich ist ein guter Tag wie draußen sein, weil ich drinnen müde werde.“ Im Gespräch danach fallen zum ersten Mal Berufe, die draußen stattfinden.
Was das Bild schützt
Diskutier den Kindergarten-Satz nicht. Fang mit dem Format an, nicht mit dem Wort „malen“, und zeig dein eigenes schiefes Beispiel zuerst. Wer sieht, dass deine Strichmännchen wackeln, traut sich eher. Es geht nie um schöne Bilder, sondern ums Probieren. Dem Gehirn reicht der Versuch.
Bilder werden nicht benotet und nicht ohne die malende Person gedeutet. Ausstellen ist freiwillig. Keine echten Fotos von Mitschüler:innen, keine Memes über Personen aus der Klasse oder über Lehrer:innen, nichts wird ohne Zustimmung fotografiert oder gepostet. Taucht in einem Bild etwas auf, das nach Mobbing oder einer Krise aussieht, sprichst du es nicht vor der Klasse an, sondern nach der Stunde mit der Person und holst die Schulsozialarbeit dazu, in der Jugendarbeit die zuständige Fachkraft.
Mehr Malformate für Unterricht und Seminar, vom schnellen Einstieg bis zur Wiederholung, findest du in Malen statt vergessen. Wie es nach dem Bild mit dem Schreiben weitergeht, steht unter Schreiben mit Jugendlichen.
Weniger negative Gefühle beim Lernen, aber kein Ersatz für Erklärungen
Laura Ohmes, Juliane Schlesier und Barbara Moschner von der Universität Oldenburg haben an einem Gymnasium in Deutschland 99 Schüler:innen der fünften Klasse untersucht, im Schnitt zehn Jahre alt, also jünger als die Jugendlichen auf dieser Seite. Zwei Klassen lernten in fünf Deutschstunden zur Grammatik, Sketchnotes zu zeichnen, zwei Klassen schrieben Zusammenfassungen. In der Sketchnote-Gruppe gingen die negativen Lerngefühle deutlich zurück, die Freude stieg. In der Vergleichsgruppe sank dagegen die Neugier. Die Sketchnotes enthielten mehr Beispiele aus dem Lerntext, die schriftlichen Zusammenfassungen aber mehr Merkmale und Erklärungen. Die Studie war nicht randomisiert, klein und auf eine Schule beschränkt. Stanislaw Schukajlow und sein Team von der Universität Münster haben 220 Jugendliche der neunten und zehnten Klasse an Gesamtschulen und Gymnasien untersucht. Wer Freude an Mathe hatte, griff beim Lösen öfter zur Skizze, und wer skizzierte, löste die Aufgaben besser. Schwächere Schüler:innen mit Angst zeichneten dagegen deutlich seltener. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Für die Praxis heißt das: Zeichnen kann negative Lerngefühle senken, eine Erklärung ersetzt es nicht. Deshalb folgt auf jedes Bild ein Satz oder eine fachliche Prüfung. Und darum zählt die Regel „Schlecht ist gut“: Wer Angst hat, zeichnet sonst gar nicht.
Vier Regeln für das Malen mit Jugendlichen
Sag sie, bevor der erste Stift aufs Papier geht. Danach klingen sie wie eine Strafe.
20 Minuten. Eine Frage. Viele neue Ideen.
Jeden Dienstag um 17:00 Uhr treffen wir uns live für einen kurzen Didaktik-Impuls mit echtem Praxisbezug. Du bringst deine Fragen aus Unterricht, Seminar oder Training mit und bekommst neue Perspektiven, konkrete Ideen und das Schwarmwissen der Gruppe. Kompakt, kollegial und so nah an deinem Alltag, dass du den nächsten Impuls direkt ausprobieren kannst.
Vier Bausteine und vier Situationen
Links stehen die Bausteine, rechts die Momente, in denen es beim Malen mit Jugendlichen hakt.
Meme-Mission: In zwei Minuten ein Meme zum Fachthema auf eine Karteikarte malen, drei Runden. Die Gruppe wählt das Meme, das fachlich stimmt. Niemand fotografiert, und keine Memes über Leute hier im Raum. Sound-Sketch: Zu drei Musikausschnitten von je 45 Sekunden nur Linien, Farben und Formen malen. Im Paar raten, welches Feld zu welchem Song gehört. Flash-Collage: In drei Minuten drei bis fünf Bilder aus Zeitschriften reißen und auf eine A5-Karte kleben. Auf die Rückseite kommt ein Satz: „Für mich ist … wie …, weil …“. Emoji-Express: Zu einer Frage in zehn Sekunden ein eigenes Emoji auf einen Klebezettel malen, etwa „Wie war die Stunde?“. Die Zettel kommen ohne Namen an die Tür, du liest das Stimmungsbild ab.
„Sind wir im Kindergarten?“: Nicht diskutieren. Sag: „Nein, im Kindergarten gibt es keine Memes.“ Dann sofort dein eigenes schiefes Beispiel zeigen und den Timer starten. „Ich kann nicht malen“: Gut so. Erlaube nur Strichmännchen, Linien oder Schnipsel. Wer kunstvoll malt, ist meist zu langsam. Das Meme über eine Person: Karte ruhig wegnehmen, neue Karte geben, nach der Stunde unter vier Augen sprechen. Vor der Klasse wird es nicht zum Thema. „Darf ich das am Handy machen?“: Nicht bei diesen Formaten. Papier ist schneller, und nichts landet ungefragt in einem Gruppenchat.
Häufige Fragen zum Malen und Visualisieren mit Jugendlichen
Was ist der Unterschied zur Collage-Methode?
Warum keine echten Memes am Handy?
Darf ich Bilder aus dem Internet verwenden?
Was mache ich, wenn ein Bild etwas Belastendes zeigt?
Funktioniert das auch mit Älteren in der Berufsschule?
Malen statt vergessen
Wer einmal erlebt hat, wie eine achte Klasse über Memes zur Zellatmung streitet, will mehr solcher Formate. In „Malen statt vergessen“ stehen Malmethoden, bei denen es nie um schöne Bilder geht, sondern darum, dass etwas hängen bleibt.
Fazit
„Malen? Sind wir im Kindergarten?“ ist kein Nein, sondern die Angst vor einer schlechten Zeichnung. Jugendliche greifen zum Stift, wenn das Format stimmt: Ein Meme zum Fachthema, ein Song mit drei Feldern oder drei Minuten Schnipsel. Schön muss nichts sein, aber auf jedes Bild folgt ein Satz oder eine fachliche Prüfung. Keine Fotos, keine Memes über Leute aus dem Raum, Zeigen ist freiwillig. Weitere Malformate findest du in Malen statt vergessen.